13. – 20. Juli 2020
Vorgeschichte
Wir schreiben das Jahr 2020. Covid verändert in diesem Jahr Leben – für die Meisten zum Schlechten, es sei denn man heißt Jeff Bezos.
Eine Welt ohne Konzerte, ohne Clubs und sogar ohne Kneipen. Eine traurige Welt!
Auch meine Welt wird ganz schön auf den Kopf gestellt. Zum Glück wird sie dadurch nicht schlechter sondern nur anders. All meine langgehägten Pläne Working Holiday in Kanada zu machen, lösen sich in Luft auf. Ich muss umdenken, was mir erstaunlicherweise leichter fällt als immer angenommen. Wenn ich nicht raus in die Welt kann, dann gucke ich halt mal was Deutschland so zu bieten hat und wie sich herausstellte hat es sehr viel zu bieten.
Und da man ab Juli nun endlich auch wieder ins europäische Ausland darf, kann ich mich doch auch einfach hier etwas genauer umgucken und ein bisschen working holiday machen. Man kann doch überall in den EU arbeiten – toll! Ja, toll wäre es auch wenn es Covid nicht geben würde, denn so ist es einfach nur nahezu unmöglich einen Sommerjob oder einen Host zu finden. Viele nehmen dieses Jahr niemanden und andere nur Leute aus dem eignen Land. Es hagelt Absagen oder noch viel schlimmer für mich – gar keine Antworten.
Doch dann habe ich Glück und komme auf Workaway mit Miriam aus den Niederlanden in Kontakt. Nach einigem hin und her steht fest, ich kann spontan zu ihr kommen.
Das muss man mir nicht zweimal sagen. Auf geht’s zu neuen Abenteuern!

Anreise
Deshalb schnell mein Zugticket gebucht und auch da kommt mir der Spruch „everything happens for a reason“ wieder in den Sinn. Denn ich hatte in meiner Anfangszeit in Deutschland, als Covid noch kein Ding war, ein 3 monatiges Bahncard 50 Probeabo abgeschlossen und dann nicht rechtzeitig gekündigt und musste so den kompletten Jahresbetrag zahlen. Damals ärgerte ich mich noch schwarz darüber, da ich, wenn alles wie geplant gelaufen wäre, nur noch 2 Wochen in Deutschland gewesen wäre und diese Bahncard nie hätte benutzten können. Und da ja nun bekanntlicherweise alles anders kam, nützt mir das teure Ding jetzt tatsächlich doch.
Am Montag den 13. Juli ging es für 60 € nach Den Haag. Umsteigen in Berlin und Ammersfort und in Den Haag angekommen noch eine halbstündige Tramfahrt zur Endhaltestelle.

Da ich Bahnfahren ja liebe, gute Umstiegszeiten hatte, das Wetter schön war und ich in großer Vorfreude, verging die Zugfahrt wie im Flug. Auch wenn ich nicht genau wusste, wo jetzt die Grenze zu Holland war, man sah es auf einen Schlag, als würde man durch den Schrank nach Narnia kommen. Hübsche kleine Steinhäuser, toller Fahrradwege, Fahrradparkhäuser an den Bahnhöfe, unzählige kleine Kanäle, Pferde und Schafen auf saftigen Wiesen und Felder mit Buchsbäumchen soweit das Auge sah. Und sofort wusste ich wieder wie es sich anfühlt in den Niederlanden zu sein – ein bisschen wie in eine heilere Welt zu kommen.

Unterkunft und Host
Miriam holte mich mit ihrem 20 Jahre alten Jeep von der Haltestelle ab und wir fuhren noch mal 5 Minuten bis zu ihrem Haus am Ortsanfang von Honselersdijk.
Ein altes Bauernhaus, in dem sie seit 16 Jahren wohnt und was sie mit viel Liebe zum Detail umgestaltet hat. Es sieht hier ein bisschen aus als wenn man ein schöner wohnen Magazin aufschlagen würde. Shabby Chic mit unzähligen Flohmarkt und Antikfunden.

Ich habe ein eigenes Zimmer und Badezimmer, was für Workaway der absolute Luxus ist.

Miriam ist eine Mitfünfziger Witwe, die ursprünglich aus Irland kommt. Sie hat sich bereits mit 50 in den Ruhestand begeben (wer hat der kann) und geht nun voll und ganz in ihrer Charity Arbeit in ihrer Widow Foundation auf. Also eine Wohltätigkeitsstiftung für verwitwete Frauen.
Sie ist sehr klug, redet viel und ist dabei äußerst unterhaltsam. Sie versucht mir Niederländisch beizubringen (was ich wegen bestimmten Lauten, die mein Kehlkopf nicht erzeugen kann, wohl aber nie lernen werde)
Ich habe mich von der ersten Sekunde an hier sehr wohl gefühlt, da ich sehr herzlich aufgenommen wurde und mich zu keiner Zeit wie der dumme Helfer gefühlt habe, sondern eher wie ein Freund der zum Helfen hier ist.
Nur ihre Ernährung ist immer etwas schwierig, denn sie lebt nach Keto. Das heißt keinerlei Zucker, keine Kohlenhydrate, nahezu kein Obst und jede Menge tierische Proteine. Ich als Veganer liebe aber meine pflanzlichen Proteine und Kohlenhydrate. Da wir aber immer versuchen etwas zu finden was wir zusammen kochen und essen können, gab es anfangs nur Salat oder gebratenes Gemüse und ich dachte ich würde verhungern, doch mittlerweile haben wir einen ganz gute Mittelweg gefunden und sie hat wenigstens ein bisschen der riesigen Veganabteilung in meinem Lieblingssupermarkt Albert Heijn kennen gelernt.
Klar, hat jeder so seine Ticks die auf Dauer nervig werden können aber im Großen und Ganzen habe ich es hier sehr gut getroffen.
Arbeit
Miriam leidet seit 20 Jahren unter starken Rückenprobleme. Sie wurde mehrfach an der Wirbelsäule operiert und hat gute und sehr schlechte Tage. Sie kann nichts heben, nichts schweres tragen und muss sich viel hinlegen.
Kurzum sie braucht Hilfe in ihrem großen Garten und im Haus und dafür war ich zuständig und habe dabei viele neue Dinge gelernt. Ich weiß jetzt wie man Rasen mäht, einen großen Staubsauger diese winzigen steilen Treppen in niederländischen Häusern, hoch und runter bekommt und wie man Kletterrosen auf wackligen Leitern zurück schneidet.

Die Abmachung war 5 Tage für 4 bis 5 Stunden arbeiten und das Wochenende frei. Genau so wie es bei Workaway sein sollte.
Das einzige was ich so wirklich gehasst habe, war ihre Sammelleidenschaft für Doppelbettlaken und Bettbezüge, denn diese durfte ich in einer 3,5 h Session bügeln und wer jemals mehrere Doppelbettbezüge gebügelt hat, der weiß, dass das eindeutig der Vorhof zur Hölle ist 😀
Aber alles in allem war es auf jeden Fall eine sehr gute Working Holiday Erfahrung, die ich absolut weiter empfehlen kann.
Leider kann ich nur eine Woche bleiben, da sie kurzfristig weg fährt aber besser ein bisschen working holiday als gar keins.
Honselersdijk
ist ein sehr kleines Dorf zwischen unzähligen Gewächshäusern, in denen Palmen, Topfpflanzen, Orchideen und Tomaten angebaut werden.
Alles ist sehr klein und lang gezogen aber dennoch war ich beeindruckt wie viele gut gehende Geschäfte es hier gibt. Bäcker, Fleischer, Drogerie, Fahrradladen, Einrichtungsladen, Küchenstudio und zu meiner Freude ein sehr großer wahnsinnig gut sortierter Albert Heijn Supermarkt (ich werde in den nächsten Tagen sicher noch öfter vom Supermarkt schwärmen, da es einfach der Weltbeste ist). In Deutschland könnte man bei der Größe eines solchen Dorfes froh sein, wenn es wenigstens einen kleinen Discounter gäbe und hier floriert die Wirtschaft.
Nordsee
Das Meer ist nur 15 Minuten mit dem Rad entfernt aber da Miriam sehr paranoid über den Diebstahl ihres Rades ist, hat sie mich mit dem Auto zum Strand gefahren.
Es ging über eine große Düne und über 2 Fahrradwege bis ich dann endlich mein geliebtes Meer sah. Herrlich! Ein riesiger nahezu menschenleerer weißer Puderzucker Sandstrand, Wattewölkchen und das Dünengras was sich im Wind wiegt. Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit.

Man kann von hier die vielen Schiffe auf dem Meer beobachten oder den massiv großen Hafen Rotterdams für gut oder schlecht befinden.
Da es zwischenzeitlich am Strand etwas düster und kühler wurde, lief ich einfach in den angrenzenden Ort mit dem schönen Namen
Monster
Ein doch recht großes Örtchen mit unzähligen Backsteinhäusern derer die sich kein Haus im teuren Den Haag leisten können aber dennoch keinen weiten Arbeitsweg (ca. 20 Minuten) wollen. Keine sehr aufregende Stadt aber es gibt eine Kirche, ein sehr süßes Cafe davor, ein paar kleine Geschäfte und Supermärkte.

Ich ließ mich durch die weitläufige kleine Stadt treiben vorbei an Seerosen Kanälen hin zum Wahrzeichen des Ortes, der Windmühle, in der Nähe vom Strand. Ich finde es recht ungewöhnlich, das es eine Windmühle mitten in der Stadt gibt, denn normalerweise stehen die ja eher random auf Feldern aber 18hundertschlagmichtot, wo sie erbaut wurde, gab es hier mit Sicherheit auch noch freie Felder und jetzt integriert sie sich halt einfach schön ins Ortsbild.

Naaldwijk
Miriam hatte mir schon ein paar Mal von der 35000 Einwohner Nachbarstadt vorgeschwärmt wo sie wohl gerne zum shoppen hinfährt aber meiner Meinung nach ist shoppen (erstaunlicherweise gibt es hier mal gar nicht die ganzen üblichen Großkonzerne wie H&M und Zara und wie sie alle heißen sondern mir völlig unbekannte Bekleidungsgeschäfte, was ich immer sehr schön finde, da so wenigstens etwas Individualität herrscht und auch kleine Bekleidungsindustrien unterstützt werden) wohl auch das einzige was man hier wirklich gut kann und vielleicht noch Kaffee trinken in einem der vielen Cafes am Markt aber für Touristen gibt es hier nicht wirklich viel.

Sie lies mich am Albert Heijn/ Busbahnhof raus, von wo aus man auf den Kirchhof mit der „Oude Kerk“ – alten Kirche kommt. Kirche nicht offen und der eigentlich sehr hübsche Kirchhof gerade so im Schatten, das kein so richtiger Aha Effekt bei mir aufkam. Ich lief noch ein wenig durch die recht ausdruckslosen Gassen bevor es mir bei praller Sonne zu warm wurde und ich entschied die 2,2 km anzutreten zum
Prinsenbos See
Ich lief durch hübsche Nachbarschaften mit tollen Vorgärten (auch so ein Ding – mitten in der Stadt haben die Menschen Kunst, Stühle und extrem viele Blumentöpfe vor ihren Häusern. In Deutschland würde sowas doch von einen Tag auf den anderen geklaut oder zerstört werden aber hier funktioniert das alles und jeder erfreut sich daran), vorbei an Gewächshäusern, Kanälen und Pferdeweiden. So ein bisschen heile Welt ist das hier schon, wenn vielleicht auch nur oberflächlich.

Am See angekommen, hatte ich wegen des Freitag Nachmittags und der Wärme unzählige Menschen erwartet aber außer ein paar badenden Kindern und Menschen mit Hunden ist niemand hier. Herrliche Ruhe, blauer Himmel, ein sich spiegelnder See, Enten und Gänse auf diesem. Wunderschön. Ich lasse meine Beine und Seele baumeln. Der See ist herrlich kühl. Ich genieße die Sonne und mein Leben. Lasset euch gesagt sein, auch mit wenig Geld kann man mit ein bisschen mehr Aufwand einen tollen Sommerurlaub haben!

Was habe ich über die Holländer gelernt
Seitdem ich das erste (und bisher das einzige) Mal in den Niederlanden war, habe ich so den Gedanken im Hinterkopf, dass ich mal in die Niederlande ziehen möchte, deshalb war es für mich auch sehr hilfreich bei einem Local zu wohnen und nicht nur im Hostel wo ich nichts über das eigentliche Leben lerne.
Was ich gelernt habe ist, dass die Niederlande eine verdammt gut gehende Wirtschaft und keine Arbeitslosen haben. Inzwischen wird sogar versucht ein bisschen ökologischer in den Gewächshäusern zu handeln. Wurde früher immer alles mit Chemie benebelt, übernehmen spezielle Spinnenpacks jetzt die Vernichtung von Schädlingen. Eine absolut geniale Idee, denn die Spinnen sind völlig ungefährlich aber haben einen riesen Appetit auf andere Insekten.
Sehr viele Menschen können sich hier ein Eigenheim oder einen Tesla leisten. Es scheint dem Niederländer an sich also recht gut zu gehen (wahrscheinlich auch der vielen Kolonien geschuldet)

Was mir aufgefallen ist – Niederländer achten sehr auf sich. Man ernährt sich gesund, legt Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild. Man sieht hier keine dicken Kinder, keine Menschen in Jogginghosen. Mann mittleren Alters trägt Pastellfarben. Frau hübsche Blüschen. Für mich fühlt sich das etwas nostalgisch an, dennoch finde ich es sehr schön. Viele Menschen sind sehr groß, blond und braun gebrannt. Man kann also definitiv sagen, dass der gemeine Niederländer ein sehr attraktiver Menschenschlag ist.
Natürlich ist in den Großstädten alles auch sehr Multikulti und nicht immer so heile Welt aber im Großen und Ganzen leben alle sehr friedlich miteinander.
Ich kann vieles der Niederländischen Wörter lesen, da sie deutschen oder englischen ähneln. Ich kann sogar Menschen teilweise verstehen wenn sie sehr langsam sprechen. Aber das selbst auszusprechen ist einfach nicht möglich. Ich glaube in meinem Stimmapparat fehlt etwas um diese Laute erzeugen zu können. Aber das ist alles gar kein Problem, denn jung und alt spricht hier Englisch, da zb. auf Netflix alles nur auf englisch und maximal mit Untertiteln ist. Somit lernen die Kinder schon von früh an sehr gutes Englisch zu sprechen.
Das ich die vielen Fahrradwege und die fahrradfahrende Bevölkerung absolut großartig finde, muss ich sicher nicht noch mal erwähnen.
Sicherlich ist auch hier nicht alles Gold was glänzt aber für mich glänzt in Deutschland bis auf die herrliche Landschaft gar nichts mehr und da ist es schön etwas mehr Hoffnung in einem anderen Land zu finden. Also wo sehe ich mich in 5 Jahren – definitiv in meinem Tiny House in den Niederlanden!

Fazit
Alles in allem kann ich jedem Seiten wie Workaway, Wwoof oder HelpX nur ans Herz legen, denn innerhalb von Europa könnt ihr so völlig unkompliziert (wenn nicht gerade Corona Time ist) und nahezu kostenlos (bis auf Einreise und Ausflüge) ein paar freie Tage in einem fremden Land mit Einheimischen verbringen und dabei verdammt viel lernen über Land und Leute und über euch selbst.