Rotterdam – ganz anders als erwartet

20. – 21. Juli 2020

Rotterdam – mit 600.000 EW zweitgrößte Stadt der Niederlande und der größte Überseehafen Europas.

Miriam hatte mir vor meiner Abreise gesagt – erwarte nicht zu viel. Rotterdam ist eine Stadt die man sich mal anguckt und dann ohne bleibende Eindrücke am nächsten Tag wieder geht, deshalb war ich auch froh, dass ich hier nur eine Nacht gebucht hatte und auch ich selbst erwartete bis auf eine recht moderne leicht abgefuckte Hafenstadt nix aber kleiner Spoiler vorweg – ich ärgere mich, dass ich nur eine Nacht gebucht habe.

PS: Ich glaube allerdings, dass man eher nicht an einem grauen kalten November Tag kommen sollte, denn was es so schön macht ist wohl aktuell auch das Wetter und die ganzen Blumen überall-

Anreise

Von Naaldwijk mit dem Bus bis nach Schiedam und dann nochmal 5 min für ganze 3,40€ mit dem Sprinter zum Hauptbahnhof Rotterdam. Hab ich irgendwie nicht so ganz verstanden warum der Bus nicht einfach noch die 10 min länger fährt aber nun ja.


Die Ankunft im super modernen Hauptbahnhof ist schon recht beeindruckend.

Ich muss ja gestehen, dass ich mich im Vorfeld über Rotterdam nahezu gar nicht informiert habe weil ich eh nicht viel erwartet hatte. Ich hab nur vor Jahren mal einen Reisebericht gesehen und deshalb war die Stadt auf meiner Must See Liste gelandet, wie sich jetzt herausstellte wohl nicht ganz zu unrecht.

Der 2016 eröffnete Bahnhof kostete stolze 633 Millionen und dauerte ganze 9 Jahre. Gut Dingen will Weile haben, denn wer auf moderne Architektur steht, wird ihn lieben – vor allem wenn sich in den Nachbargebäuden noch so herrlich die Schäfchenwolken spiegeln.

Unterkunft

Bei einer Nacht also sollte es möglichst billig aber zentral sein und genau das bietet das Thuis bij Schell. Das Frauendorm kostet humane 21€ und sieht dabei auch noch echt schön aus.

Allerdings ist alles sehr schlecht organisiert. Ich hatte gelesen, dass es im Cafe darunter auch Frühstück gäbe, also dachte ich, dass immer jemand da wäre, aber Fehlanzeige. Als ich kurz nach halb 11 dort eintraf um nur meinen Rucksack abzuladen, stand ich vor verschlossenen Türen und auch unter den angegebenen Rufnummer war niemand zu erreichen. Ich war angepisst aber dann hatte ich mal wieder großes Glück, denn ein junges Mädchen wollte mit ihrer Chipkarte gerade ins Hotel also fragte ich sie ob sie mich mit reinnehmen kann und zufälligerweise war sie auch im Frauendorm, somit konnte ich meinen Rucksack schon im Zimmer abstellen. Sie stellte sich als Schweizerin heraus die beeindruckenderweise innerhalb von 2 Wochen mit dem Fahrrad den kompletten Rhein von der Schweiz über Deutschland bis nach Rotterdam hoch gefahren war. Völlig irre aber auch sehr beeindruckend.

Witte de Withstraat

Zufälligerweise war ich mit meinem Hostel auch gleich im Hipster Kneipenviertel gelandet. Auf der einen Seite eine schön begrünte Gracht und eine Querstraße weiter super coole Bars und Cafés. Ich fühlte mich ein bisschen wie in Berlin und so in der Art hatte ich Rotterdam auch erwartet aber halt nur so und nicht stylisch und gemütlich zugleich.

Maritim-Museum

Ich war nicht drin aber der Außenbereich ist schon sehr schön anzusehen. Es gibt unzählige alte interessant aussehende Kähne und Kräne aber auch kleine Leuchttürme.

Oudehaven

Auch wieder so ein Punkt an dem Tradition auf Moderne trifft, was ich persönlich sehr interessant finde.

Im Hafen liegen weitere alte Kähne die Teil der Maritim-Museum Sammlung sind und an denen jeweils Schilder mit den technischen Daten stehen und Bilder von Innenraum zu sehen sind. Dahinter das

Witte Huis

Also das Weiße Haus. Das 1897 erbaute 11 geschossige Jugendstil Gebäude galt zu seiner Zeit als eines der modernsten Gebäude der Stadt. Heute beherbergt es ein Hotel und ein schickes Café.

Cube Houses

Am anderen Ende des Oudehaven liegen die 1984 von Piet Blom erbauten Kubus Wohnungen, welche neben dem Hafen als Wahrzeichen der Stadt gelten. Jedes der 38 schrägen gelben Kubusse soll einen Baum darstellen und alle zusammen einen Wald.

Hm, eine ziemlich schräge Sache (Wortspiel). Für 3€ kann man sich eine der Wohnungen angucken und für ein paar Euro mehr auch eine Nacht im Hotel darin verbringen.

Zum Fotos machen eignen sie sich natürlich wunderbar und wohl jeder Tourist findet seinen Weg hier her, dennoch sieht es dort eigentlich etwas schäbig aus. Viele der Geschäfte sind Nagelstudios oder Spielcenter. Sie sind auf jeden Fall einen Besuch wert aber erwartet nicht zu viel.

Bleek

Der große Platz ist irgendwie interessant anzuschauen, denn einerseits hat man die 84er Kubushäuser und weitere 80er chic Gebäude andererseits aber auch super moderne Architektur aus den 2010ner Jahren und wenn man dann noch ein bisschen weiter guckt, dann sieht man auch noch die St. Lawrence Kirche aus dem Jahre 1449. Wieder mischen sich Zukunft und Gegenwart auf einem Platz.

Außerdem gibt es dort eine der

Markthallen

Das hochmoderne Gebäude aus dem Jahre 2014, welches im äußeren Teil Wohnungen beherbergt, hat 20 vers. kleine Stände mit Lebensmitteln aus aller Welt. Von orientalischen Gewürzen über bunte Donuts bis hin zu holländischem Käse ist alles vertreten.

Eine weitere Besonderheit ist das Horn of plenty (Füllhorn), das 11.000 qm große Deckengemälde, welches angeblich das größte Kunstwerke der Welt sein soll.

Kralingser Plas

Nur 3 Haltestellen mit der Metro stadtauswärts liegt ein kleines (oder doch recht großes Kleinod). Hinter einer schicken Backsteinwohngegend erwartet einen erst der kleine Rozenburg Park und dahinter der große Kralingser See auf dem man sogar Segelboot fahren kann.

Auf der einen Seite gibt es zwei hübsche Windmühlen, etwas weiter dahinter ein großes Reet gedecktes Ausflugsrestaurant und auf der anderen Seite ein großer Badestrand. Man kann Stunden hier zubringen. Essen, Sport machen, schwimmen oder (so wie ich) einfach nur faul auf der Hundewiese herumliegen und den Hunden beim Spielen zugucken.

Delfshaven

Früh oder abends eignet sich eine Besichtigung vom alten Delfshaven. Macht aber bitte nicht den gleichen Fehler wie ich und lauft von der Metro Station Delfshaven stadtauswärts (da gelangt man nämlich in die Multikulturelle Ecke der Stadt) sondern immer schön stadteinwärts laufen und dann nach ein paar hundert Metern kommt rechtsseitig eine kleine Gracht und ab da beginnt der alte Stadtteil Delfshaven. In Rotterdam ist im Krieg viel kaputt gegangen aber dieser Stadtteil gehört zu den wenigen die noch erhalten geblieben sind.

Es gibt viele schöne alte Häuser, eine nette Windmühle und ein altes Piratenschiff zu bestaunen. Im Sommer blühen die herrlichen Stockrosen vor den Hauseingängen, auf dem Wasser gehen ein paar Locals SUPen. Man fühlt sich hier einfach wie auf dem Dorf.

Het Park und Euromast

Stadteinwärts kommt dann nach ein paar wenigen Kilometern der sogenannte Euromast ins Sichtfeld. Ein Aussichtsturm mit einer sich langsam drehenden Aussichtsplattform die bis nach oben fährt. Man hat sicherlich eine sehr schöne Sicht auf die Stadt und den Hafen aber einen Eintrittspreis von über 10€ passt definitiv nicht in mein Low Budget.

Noch einmal eine große Straße und einen Tunnel überquert und schon landet man im Het Park. Ein wunderschöner großer Park mit einer norwegischen Kirche, ein paar netten Restaurants, einer Fasanerie und jeder Menge Studenten die dort ihren Abend verbringen. Es gab dort sogar etwas wie eine kleine Open Air Party (und das auf’n Corona Montag).

Westerkade

Wenn man bis zum Wasser läuft kommt man an die sogenannte Westkade. Eine kleine Flaniermeile Richtung Erasmus Brücke. Dort hat es mir persönlich mit am besten gefallen, da nicht viel los war (außer einer Sport Gruppe die Outdoor Fitness betrieben hat, was man hier gefühlt an jeder Ecke sieht). Auf der einen Seite schöne alte teuer aussehende Wohnhäuser, ein paar Grünanlagen mit Bänken, dann das Wasser und der Blick auf die Erasmus Brücke und den Wilhelminapier gerichtet. Super schöner Ort.

Erasmus Bridge und Wilhelminapier

Immer an der Westkade entlang kommt man an den Fuß der Erasmus Brücke, ein weiteres Wahrzeichen der Stadt. Die 1996 eröffnete Brücke wird auch der schlafende Schwan genannt (naja mit viel Fantasie vielleicht).

Wenn man unter der Brücke entlang geht, kann man der Westkade noch ein Stück folgen um sich die andere Seite der Nieuwe Maas anzugucken.

Auf der anderen Seite der Erasmusbrücke landet man am Wilhelminapier, der Hafencity von Rotterdam quasi. Fancy neue Hochhäuser, schicke Hotels und Bars und dazwischen das alte Hotel New York. Das von 1901 bis 1917 im Art Deco Stil erbaute Gebäude diente einst der Holland Amerika Line als Firmensitz, heute beherbergt es ein schickes sehr fotogenes Hotel.

Abends chillen viele hier am Pier und genießen den Sonnenuntergang.

Streetart

Yeah, endlich wieder eine Stadt mit Streetart. Und gerade um die Witte de Withstraat gibt es viel zu entdecken über bunte Murals, leuchtende Schriftzüge bis hin zu fragwürdigen Plastiken. Und die fragwürdigste ist doch wohl eindeutig der
Buttplug Gnome – der ja angeblich den Weihnachtsmann darstellen soll mit einen stilisierten Weihnachtsbaum. Ähhhh, ja klar. Seht ihr da nen Weihnachtsbaum also ich nicht. Die Skulptur ist von Paul McCarthy, nee nicht McCartney. Ich habe gelesen, dass sie erst in einem Wohnviertel stand, dort aber wohl doch ein bisschen zu anstößig war, deshalb haben sie sie jetzt auf die Kneipenmeile gesetzt wo sie sich großer Beliebtheit erfreut. In Oslo gibt es sogar noch eine rote Version davon. Naja Kunst eben.

Mir sind dann doch die ganzen Murals und Leuchtschriften lieber.

Fazit

Ihr habt es sicher schon am schwärmerischen Text gemerkt, ich hab mich ganz schön in Rotterdam verguckt. Ich kam mit null Erwartungen hier an und gehe glücklich und mit einer weiteren neuen Lieblingsstadt wieder.

Am Ende des Tages hatte ich dann über 20 gelaufene Kilometer auf der Uhr und die haben sich auch wirklich gelohnt.

Ich glaube das was vielen nicht so zusagt ist genau das was mir gefällt. Rotterdam und ich haben viel gemeinsam. Auf den ersten Blick nicht so das Schönste. Mit vielen Ecken und Kanten und einigen Problemvierteln aber wenn man uns an einem schönen Tag erwischt und sich ein bisschen Mühe gibt, dann kann man so viele schöne Dinge entdecken. Tradition trifft auf Moderne. Rauer Hafenarbeiter auf Studenten aus der ganzen Welt. Industriehafen auf hippe Kneipen.


Und genau diese Widersprüche haben mir so gut gefallen. Unperfekte Dinge sind doch viel interessanter!


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