31. August – 1. September
Vorgeschichte
Als ich 6 Jahre alt war, habe ich mit meiner Oma im Kino Free Willy gesehen. Von da an, wollte ich unbedingt einmal im Leben einen echten Orca in Freiheit sehen. Nachdem ich gehört hatte, dass der Film in Kanada gedreht wurde, war klar – wenn ich groß bin, will ich nach Kanada und Orcas sehen.
Ich wurde groß und meine Lebenspläne änderten sich. Fester Job, feste Wohnung, Erwachsen sein – Leben im Hamsterrad!
Dank meines Exfreundes, der für einen Job ein halbes Jahr 2009 nach Malaysia musste, musste ich zum ersten Mal raus in die große weite Welt wenn ich ihn sehen wollte. Der Beginn eines anderen Lebens, denn unterwegs wurde ich vom Travelbug infiziert. Ich wurde abhängig nach Reisen. Jedes bisschen freie Zeit wurde in eine Reise umgesetzt und nachdem ich genug Geld gespart hatte, dann 2017 auch endlich in eine Reise nach Kanada. 4 Wochen lang jedes Touristische Highlight von Montreal bis Vancouver Island im Schnelldurchlauf, inklusive 2 Whale Watching Touren auf Vancouver Island, bei deren Erinnerung ich immer noch Gänsehaut und Tränen in den Augen bekomme. Beim Abschied war klar – das war nicht meine letzte Reise nach Kanada.

Und als ich wieder zurück nach Deutschland kam wurde noch etwas anderes klar – klarer als es nie hätte sein können – es gibt abseits des Hamsterrades da draußen noch ein anderes Leben für mich. Ein Leben in dem ich so richtig glücklich bin.
Von da an Geld gespart, Mut zusammen genommen, Wohnung und Job gekündigt, altes Leben verkauft und mit 31 für ein Jahr zum Working Holiday nach Neuseeland. Danach hätte ich gern nach Australien gewollt, doch mit über 30 bin ich leider zu alt für ein Visum dort. Das einzige Land welches einen alten Sack wie mich noch aufnimmt ist Kanada. Also neuer Plan – auf nach Kanada!
Vorbereitung und Kosten
Ein Working Holiday Visum für Kanada zu bekommen ist keine so leichte Aufgabe wie eines für Neuseeland oder Australien zu kommen. Man muss sich erst darauf bewerben. Kommt in einen Bewerberpool und wird, wenn man Glück hat, dann daraus gezogen. Ich hatte Glück und konnte mich auf das Visum bewerben.
Von Neuseeland aus, war das allerdings gar nicht so einfach, denn man musste seine Fingerabdrücke für das Visum abgeben und sich legitimieren und das ging in Neuseeland nur in Auckland, weshalb ich für 2 Tage extra dort hin fuhr um alles abzuarbeiten.
Führungszeugnis aus Deutschland, Führungszeugnis aus Neuseeland und ca. 400 € an Kosten insgesamt.
Nach langem Warten hatte ich es dann endlich – mein Kanadavisum bzw. POE (port of entry) Letter, denn erst am Einreiseport wird das Visum aktiviert. Mein Plan stand – im Frühling 2020 sollte es nach Kanada gehen.

Erster Versuch
Ich hatte für den 30. April von Amsterdam aus einen Flug nach Montreal gebucht und wollte mit meinen Eltern davor noch einen Roadtrip durch die Niederlande machen. Wir hatten uns alles so schön überlegt und einen ausgeklügelten Plan. Covid 19 war unser Plan und die Pläne der restlichen Welt aber scheißegal und so wurden all unsere Reisepläne storniert und wir mussten alle daheim bleiben. Yeah :-C

Vorbereitung zum 2. Versuch
Ich nutzte die Zeit um Deutschland und ab Sommer Europa ausführlich zu erkunden (siehe hier). War auf 2 Motorradtouren (siehe hier und hier) und entdeckte wie unfassbar schön Europa eigentlich ist und das nun wirklich niemand ans Ende der Welt reisen muss um Naturwunder zu entdecken. Im Grunde hatte ich trotz Covid das geilste Reisejahr meines Lebens, sodass ich mal wieder sagen muss „everything happens for a reason“!
Allerdings war mein Visum dabei abzulaufen und eine baldige Möglichkeit zur Einreise war nicht in Sicht. Zum Glück gab die kanadische Immigration die Möglichkeit das Visum für 3 Monate zu verlängern. Gesagt – getan und dann hörte ich bis nach dem Ablauf meines Visums nichts mehr von denen und war inzwischen etwas verzweifelt, da Freunde von mir ihre Visumsverlängerung innerhalb von 2 Wochen erhalten hatten und ich nach 8 Wochen immer noch nichts gehört hatte.
Doch dann kam sie, die erlösende E-Mail. Inzwischen gab es auch schon einige erfolgreiche Einreiseberichte, da Kanada ein Schlupfloch geschaffen hatte – „hast du einen Job, dann darfst du einreisen“. Also hieß es für mich – Job suchen. Zum Glück fand ich eine sehr nette Facebook Gruppe wo alle ihre Probleme und Infos teilten, sodass man sich weniger allein fühlte im endlosen Meer der erfolglosen Jobsuche.
Ich bekam von anderen mit, dass viele Arbeitgeber niemanden aus dem Ausland wollten und nur mit Leuten arbeiten die schon in Kanada sind. Deshalb war mein Plan von Anfang an ein anderer – ich wollte über die Seiten Helpx, Wwoofing und Workaway jemanden finden, der mir einen Joboffer Letter ausstellt.
Mein Kriterium dabei war ein Job in British Columbia, denn da findet die Skisaison und damit unzählige Jobs statt, da liegt Vancouver Island, meine favorisierte Destination und da hat man die meisten Möglichkeiten längerfristig zu bleiben, wenn die Grenzen zwischen den Bundesstaaten weiterhin geschlossen bleiben.

Und siehe da, ich fand sofort etwas auf Vancouver Island, bei einem Schweizer, der dort medizinische Heilpflanzen anbaut. Innerhalb von Sekunden schickte er mir den Joboffer Letter ohne mir etwas über den Job zu erzählen oder etwas über mich wissen zu wollen. Ich fing an Fragen zu stellen, logisch wenn man als allein reisende Frau auf eine Farm irgendwo ins nirgendwo zu einem alleinstehenden Mann soll, der bei workaway auch noch keinerlei Bewertungen hatte. Das gefiel dem guten Herren gar nicht und er wurde richtig böse mit mir. Mein Bauchgefühl schlug Alarm und ich sagte die Möglichkeit sofort ab und meldete ihn sicherhaltshalber auf der Plattform.
Danach war ich erst mal ziemlich down, da sich jeder andere bezüglich der Joboffer quer stellte bzw. die Gastgeber so weit in der Pampa saßen, dass sich das für mich einfach nicht richtig anfühlte.
Doch dann fand ich endlich eine Familie in Victoria auf Vancouver Island, die selbst schon 3 mal Working Holiday an unters. Orten dieser Welt gemacht hat und die Hilfe im Haushalt und Garten brauchen, da sie beide berufstätig mit 2 Kindern sind.
Ziemlich locker bastelten wir gemeinsam den Jobofferletter nach Wünschen der kanadischen Immigration zurecht.
Als diese große Hürde endlich genommen war, ging es ans Flüge buchen. Ich hatte von Air Transat von meinem gecancellten Flug einen Gutschein bekommen, diesen galt es einzulösen. Allerdings bedient Air Transat im Moment nur die Route Paris – Montreal. Diese dafür allerdings super preiswert für lächerliche 150 € inklusive einem Gepäckstück und Sitzplatzauswahl.
Mein Flug von Montreal nach Vancouver nochmal 150€ und mein Flug von Vancouver nach Victoria mit Pacific Costal Airlines für ca. 75€.
Da mich mein Flug von Amsterdam nach Toronto einiges mehr gekostet hat, habe ich sogar noch ein Restguthaben auf meinem Gutschein, welches ich für einen späteren Flug einsetzen kann und somit für den Flug am Ende weniger gezahlt habe, als für den im April. Und das ich vorher noch einen Abstecher nach Paris machen musste, finde ich auch nicht so tragisch, da man ein Zugticket für den ICE mit nur einmal umsteigen schon für 70€ bekommt und ein zentrales Hostelbett für 25€. Und da ich noch nie in Paris war (und da eigentlich auch nie hinwollte) konnte ich das ja gleich mit Sightseeing dort verbinden (siehe Post zu Paris)
Die nächste Schwierigkeit war eine Unterkunft für die 14 tägige Quarantäne zu finden. Auf Vancouver Island selbst gibt es nicht allzu viele komplette Wohnungen die sich für die Quarantäne eignen zu einem Preis unter 1000 Euro. Zum Glück fand ich ein nettes Apartment in Duncan, einem anderen Ort auf Vancouver Island für ca. 850€. Ich fragte den Besitzer an ob es möglich ist sich in die Wohnung Essen aus dem Supermarkt liefern zu lassen und ob es generell OK ist wenn ich meine Quarantäne dort mache. Ich bekam keine Antwort, weshalb ich schon ein etwas komisches Bauchgefühl hatte, das Apartment aber dennoch buchte, da ich nicht allzu viele andere Möglichkeiten hatte.

Und während ich gerade schon im Zug nach Paris saß, schrieb mir der Besitzer, dass ich dort nicht einziehen könnte, da sie bereits belegt wäre und gar nicht bei AirBnB gelistet sein dürfte. Ich fing kurz an zu hyperventilieren, denn ich sollte morgen nach Kanada fliegen und hatte keinen Platz für die Quarantäne. Genau in diesem Moment meldet sich ein Mädchen bei mir aus Kanada, die ich vor einer Weile bei Facebook wegen einer Wohnung angeschrieben hatte.
Zum anderen machte ich aber auch einen Aufruf in der sehr hilfreichen Kanada Facebookgruppe und schrieb noch andere AirBnB Hosts an.
Die Wohnung die das kanadische Mädchen zu vergeben hatte, war leider nicht mehr im Angebot aber sie war so unfassbar hilfreich und supportive und wir telefonierten während meiner Zugfahrt über Facebook miteinander und sie nahm mir enorm die Angst vor allem und bot mir an, mir eine Notunterkunft auf der kleinen Farm auf der sie gerade lebt einzurichten, falls ich nichts anderes mehr finden sollte. Ich war so unfassbar dankbar und gerührt, dass sich jemand komplett fremdes so für mich einsetzt. Ich meine es war mitten in der Nacht in Kanada und dennoch hörte sie sich am Telefon meine Sorgen an. Ich war einfach nur geflasht von so viel Nächstenliebe.
Nachdem in Kanada dann auch alle wach geworden waren, war es in Paris bereits abends und ich hatte meinen kleinen Stadtrundgang erledigt, bei dem ich kontinuierlich ein schlechtes Bauchgefühl hatte weil die richtige Lösung für mein Problem einfach noch nicht da war.
In meinem Facebook Post wurde ich total runter gemacht, dass es ja wohl genug AirBnBs auf Vancouver Island geben würde, was halt nicht stimmt wenn man eine komplette Wohnung sucht, außerdem wollte mich keiner der angeschriebenen Hosts bei sich in Quarantäne haben. Ich war verzweifelt aber dann kam der entscheidende Clue, der mir mal wieder das Gefühl eines guten Karma gab – eine der Gruppenadmins verlinkte mich auf ihre deutsche Freundin in Victoria. Diese schrieb mir auch gleich eine Nachricht, dass sie in ihrem Haus eine kleine Einliegerwohnung haben die ich für nur 450 Dollar für 2 Wochen mieten könnte. Sie schickte mir auch gleich ein paar Bilder der kleinen Wohnung und mein Bauchgefühl machte Purzelbäume, da sich auf einmal alles richtig anfühlte und dazu noch der super niedrige Preis und die Tatsache, dass es gleich um die Ecke meiner neuen Familie liegt (diese hatten leider nicht die Voraussetzungen mich für die Quarantänezeit aufzunehmen). Ich sagte sofort zu und Ines war super lieb und bot mir auch gleich an mir etwas einkaufen zu gehen usw. Ich konnte endlich mit einem guten Bauchgefühl starten, da ich wusste, dass ich nun alles zu 100% geklärt hatte.
Einreise
Montag den 31. August verließ ich gegen 9 mein Hostel und es kam auch genau in dem Moment als ich unten in der Metro ankam eine Bahn (10,30€) zum 30 Minuten Flughafen, die auch nur alles 30 Minuten fährt, was ich aber im Vorfeld nicht wusste. Alle nachfolgenden Geschehnisse passierten natürlich immer mit der obligatorischen Mund/Nase Bedeckung die ich quasi für 48 h nonstopp aufhatte.
Ich war also bereits kurz vor 10 am Flughafen, da ich in der Facebook Gruppe gelesen hatte, das einige in Deutschland große Probleme am Flughafen Check In hatten und viele Mitarbeiter erst stundenlang telefonieren oder Rücksprache halten mussten, bevor sie den Boarding Pass ausstellten.

Ich kam im Flughafengbäude an und folgte den Wegweisern zum Air Transat Schalter, von dem ich nicht erwartet hatte, dass er 3,5 h vorm Abflug überhaupt schon aufhatte. Aber das hatte er und es war total leer. Vor dem eigentlichen Schalter standen schon 5 vers. andere Leute. Die erste fragte mich zu meinem Gesundheitszustand. Der nächste nahm meine Temperatur. Dann ging es 2 Meter weiter zu 3 Officers, die von Anfang an absolut über die Einreisebestimmungen nach Kanada Bescheid wussten und mir ein paar Fragen stellten und meinen Joboffer und mein POE sehen wollten und schwupp durfte ich zum Check In und bekam innerhalb von 2 Minuten meinen Boarding Pass. Ich war so begeistert, dass hier jeder über alles Bescheid wusste und nicht noch stundenlang um Erlaubnis gefragt werden musste. Ich bekam einfach meinen Boarding Pass und hatte damit wohl schon die größte Hürde überwunden.
Dann kam mein absolut liebster Teil am Fliegen – NICHT! – der Security Check. Ich hasse ja nichts mehr als das. Ich habe immer so viel Technik dabei, dass ich jedes mal bis halb auf die Unterwäsche auseinander genommen werde und auch dieses mal. Ich packte brav meinen Laptop aus und meinen Flüssigkeitenbeutel und lies meinen Rucksack durchlaufen und natüüüürlich wurde er mal wieder rausgezogen. Und es ist ja auch immer so herrlich wie die dann darin herumkramen und sich jedes kleinste Stück Technik zeigen lassen bis zur SD Karte quasi und einen dann am Ende immer mit einem riesen Haufen Chaos zurück lassen, was man dann auf zu wenig Platz wieder feinsäuberlich in seinen viel zu vollen Rucksack stopfen muss. Das Ding ist, wenn ich vorher wüsste, dass ich jedes Technikteil auspacken muss, dann okay aber es heißt immer nur Laptop und an vielen Flughäfen reicht das auch aus.
Meine Zeit auf dem Flughafen verbrachte ich mit der Suche nach dem besten und günstigstem Essen, denn bei Loui V und Chanel shoppen war leider nicht möglich – alles wegen Covid geschlossen – schade! 😀

Ich deckte mich mit Getränken und Essen für den Flug ein, da ich mir sicher war – für 150 € bei einer Billigfluggesellschaft gibt es nichts zu essen. Aber dazu später mehr.
Dann Boarding und niemand wollte meine Unterlagen sehen. Ich durfte einfach so zum Flieger durchgehen, dachte ich. Aber 5 Meter vorm Flugzeugeingang musste ein Mädchen vor mir nochmal ihre kompletten Unterlagen dem Officer zeigen bevor sie ins Flugzeug durfte. Für mich zahlte sich aus, dass der gleiche Officer vom Check In vor mir stand, mich fett angrinste und meinte „hey du bist doch Julia – du kannst gleich durchgehen“. Ein sehr gutes Gefühl, wenn die „Security“ sich sogar an deinen Namen erinnern kann, denn das heißt man ist besonders positiv oder negativ aufgefallen 😀

Nun denkt man ja, hm in Zeiten von Covid machen nicht so viele Leute Langstreckenflüge nach außerhalb von Europa und wenn, dann gibt’s sicher genug Abstand im Flugzeug – dazu kann ich nur sagen „HaHa“. Der Flieger war einfach fast zu 100% voll mit 3 fremden Leuten die nebeneinander sitzen. Fairerweise muss man auch dazu sagen, dass es nur eine kleine 3×3 Maschine war (ich wusste gar nicht, dass solche kleinen Dinger übern großen Teich fliegen dürfen). Ich hatte einen Fensterplatz und wurde gleich sehr nett von meinem Sitznachbarn am Gang begrüßt. Dann setzte sich ein anderer Herr zwischen uns und wir waren beide sehr irritiert, dass da tatsächlich jemand sitzen würde. Aber dann war mir das Glück wieder hold und der mittlere Herr wurde auf einen der Notausgänge gesetzt, weil sie da noch jemanden brauchten und so kam es, dass ich direkt neben mir einen freien Platz hatte und daneben ein wirklich sehr netten Kanadier mit dem ich mich auch eine ganze Weile sehr nett unterhielt. Er konnte sogar einiges an deutsch und hatte bereits viele Orte in Deutschland gesehen. Ich war mal wieder begeistert wie locker und unfassbar nett diese Kanadier sind, das war mir ja schon bei meinem Urlaub aufgefallen.
Der 8 Stunden Flug war etwas holperig, was ich ja immer nicht ganz so toll finde aber dennoch war der Service im Flieger besser als erwartet. Es gab sogar etwas zu essen und jede Menge Wasser. Dazu noch vers. Filme, Musik und Spiele und echt viel Beinfreiheit. Sicherlich ist das alles immer noch weit entfernt von einer Premiumfluggesellschaft aber wir erinnern uns an 150€ für die Strecke. Guckt mal spaßeshalber nach was ein Flug aus Deutschland nach Kanada kostet.

Ich buche ja normalerweise nur bei kurzen Flügen einen Fensterplatz aber da ich naiverweise echt dachte, dass der Flug leer wäre und ich eine Reihe für mich hätte, hatte ich am Fenster gebucht was in dem Fall auch Jackpot war, da es nahezu keine Wolken gab und ich mir ganz viel spannendes von oben angucken konnte wie England, Dublin und der so richtige Wow Effekt – das ewige Eis in Grönland. Ich war total geflasht wie spannend Grönland von oben aussieht. Total zerklüftete Steinwüste die ins Meer ragt und ein paar Kilometer dahinter beginnt gleich das ewige Eis. Was für ein besonderer Anblick.


Als wir in Montreal gelandet waren und alles noch sehr lange dauerte weil jeder einzeln aussteigen musste , drehte sich auf einmal das Mädchen vor mir um und sprach mich in lupenreinen deutsch an, dass sie unser Gespräch belauscht hätte und das sie aus Victoria kommt und dort auf eine deutsche Schule geht und ein Jahr als Au Pair in Thüringen war. Ich war total von den Socken, was es doch mal wieder für Zufälle gibt.
Alles in Allem war mein Flug nach Kanada jedenfalls schon mal absolut großartig mit vielen positiven Erlebnissen. Doch dann kam der harte Teil.

Immigration Montreal
Während bis jetzt noch alles so unfassbar smooth gelaufen war, sollte sich die Lage nun ändern. Ich hatte knappe 4,5 h um meinen Flieger nach Vancouver zu bekommen und musste noch zur Immigration und mein Visum und mein Work Permit aktivieren. Ich hatte von vielen gelesen, dass das so 1 bis 2 h dauern würde und dachte, okay easy! Ich bin zwar aufgeregt wie verrückt wegen all den Fragen der Immigration aber ich hab genug Zeit.
Doch schon kurz nach dem Aussteigen aus dem Flieger gab es eine extrem lange Schlange mitten in einem der Gänge wo auch gerade noch ein zweites Flugzeug angekommen war, sodass sich zwei volle Flugzeuge in einem Gang zurück stauten und nicht wussten warum. Nach ca. 30 Minuten ging es endlich weiter und wir durften in eine große Halle wo es viele elektronische Terminals gab, dann die Passkontrolle und dahinter die Immigration. Dann anstehen um überhaupt erst mal an den elektronischen Terminal zu dürfen. Endlich dort angekommen musste ich meinen Pass einscannen, in eine Kamera gucken und ein paar Fragen zu meiner Gesundheit und meinem Reisegrund beantworten.
Dann wieder anstehen um zur persönlichen Passkontrolle zu kommen. Ich bekam ein paar wenige Fragen gestellt und wurde umgehend weiter zur Immigration geschickt wo mir eine Dame eine Nummer in die Hand drückte. Ich guckte an die Tafel und sah gleich das Schema. Es gab 5 vers. Buchstaben und dazu eine Nummer. Ich gehe davon aus, dass jeder Buchstabe eine Art von Fall ist. Ich hatte C also denke ich dass alle C Fälle sowas wie ich waren. Ich hatte die C27 und wir waren gerade bei der C11. Dazu kamen ja aber noch die ganzen anderen Buchstaben und ihre Nummern, die alle gemeinsam von nur 3 – 4 Officers abgearbeitet wurden. Ich wusste also schon, oha das dauert! Wenn man da sitzt und wartet bekommt man ja auch einiges mit. Eine Familie aus Fernost schien hier schon sehr lange zu warten und musste scheinbar einen Anschlussflug erreichen. Sie versuchten ständig einen Officer zu überzeugen schneller dran zu kommen. Es wurde sogar geweint. Die Officers interessierte das herzlich wenig und ich sag mal so, trotz bestimmt 30 bis 40 Menschen im Warteraum arbeiteten nur 4 der eigentlich anwesenden 10 Officer und einige brauchten für die Bearbeitung von nur einem Fall ganze 20 Minuten, andere waren wesentlich schneller. Eine Dame fiel mir durch ihre besonders genaue und dadurch langsame Bearbeitung auf. Ich saß da also so 1,5 h und dachte mir, hmm also in maximal 45 Minuten solltest du hier raus sein wenn du deinen Flieger noch schaffen willst. Es ging mehr als beschwerlich vorwärts und C Nummern wurden sehr selten aufgerufen, da sie scheinbar am aufwendigsten zu bearbeiten waren. Doch dann endlich C27 und ratet mal welchen Officer ich bekam – natürlich, die ganz genaue Dame. Und lasst euch gesagt sein, die Verständigung in einem großen Raum mit vielen Leuten durch eine Glasscheibe mit jeweils einem Mundschutz, in einer Sprache die nicht meine Muttersprache ist, war nicht ganz so einfach und ich musste bei jedem Satz nachfragen weil ich ihn einfach akustisch nicht verstand. Sie wollte 1000 Dinge von mir wissen und wirklich komplett alle meine Unterlagen sehen, die ich fein säuberlich in einem Schnellhefter sortiert hatte. Ich wusste von Facebook, dass viele nur POE und Joboffer zeigen mussten aber nö bei mir Versicherung, Quarantäneplan, POE, Joboffer warum wieso weshalb. Anstrengend. Dann sollte ich mich wieder hinsetzen und musste nochmal eine Weile warten, während ich schon nervös auf meine Uhr starrte. Dann rief sie mich endlich nochmal und hatte mein Druckfrisches Work Permit in der Hand, bei dem ich nur darauf achtete, dass es unbegrenzt und ohne Namen eines bestimmten Arbeitgebers ausgestellt ist, damit hatten einige in der Vergangenheit nämlich auch schon Probleme und sonst dürfte man nämlich nur für eine bestimmte Zeit bei nur einem Arbeitgeber arbeiten und sonst das ganze Jahr bei niemandem sonst. Aber zum Glück war bei mir alles richtig und nachdem ich alles feinsäuberlich wieder eingepackt und mich brav bedankt hatte, nahm ich die Füße in die Hand und rannte um mein Leben.

Weiterflug nach Vancouver
Nun kenne ich das eigentlich von anderen Flughäfen so, dass man auch nach der Immigration immer noch im Security Bereich des Flughafens ist und gleich weiter zum Gate kann aber nö, nicht in Montreal. Da ist man quasi einmal komplett wieder draußen und darf sich noch mal auf alles Schöne gefasst machen. Gesundheitsfragen, Temperaturcheck und mein absoluter Liebling, der Security Check.
Zum Glück war der Security Check recht leer und die mit meiner ganzen Elektronik nicht so pingelig, sodass ich schnell durch war und zum Gate rennen konnte. Eigentlich war ich schon zu spät aber zum Glück hatte der Flieger 30 Minuten Verspätung, sodass ich mich doch wieder entspannen konnte.
Der 6 Stunden Flug war ganz schön, da ich wieder einen Fensterplatz hatte und zum Sonnenuntergang gegen die Zeit fliegen und ich somit 2 Stunden Sonnenuntergang beobachten konnte. Ich versuchte umständlich ein bisschen zu schlafen. Zu Essen gab es auf diesem Flug nichts.

Nachts im Museum , äh auf dem Flughafen
Gegen halb 11 kam ich in Vancouver an und holte mein Gepäck (was zum Glück gleich von Paris durchgeschickt wurde) vom Band. Nun hießt es – Schlafplatz auf dem Flughafen suchen, denn mein Flug nach Victoria sollte erst am nächsten Morgen gehen.

Ich lief ein bisschen auf dem schon sehr leeren Flughafen herum und guckte mich um. Dann ging es für einen ersten Snack zu Tim Hortons. Das ist das kanadische Starbucks quasi, nur in viel günstiger. Ein 400 ml riesen Kaffee für 2,40 Dollar (1,80€ ca) z.B. Und Tim Hortons ist einfach sowas typisch kanadisches. Das geht Hand in Hand mit Maple Syrup und Ahornblättern und wenn man dann das erste Mal bei Tim Hortons ist, dann weiß man man ist endlich so richtig in Kanada angekommen.
Da ich es an den Gepäckbändern wegen des Teppichbodens und der schönen sauberen Toilette gleich daneben irgendwie am gemütlichsten fand, wurde diese Stelle zu meinem Nachtlager. Gut auch, dass es hier keine Nachtflüge gabt und der letzte Flug halb 12 ankam und danach Ruhe bis zum nächsten Morgen am Gepäckband war.
Ich habe bereits einmal so richtig auf einem Flughafen geschlafen aber okay das war der beste Flughafen der Welt in Singapur aber das war selbst gewähltes Leid, da ich einmal im Leben die 24 h Airport Challenge machen wollte und das geht in Singapur einfach am besten (vielleicht lade ich nachträglich dazu auch mal noch einen Post hoch). Na jedenfalls war da immer noch einiges los in der Nacht auf dem Flughafen, hier hingegen war ab 12 absolut niemand mehr und ich fühlte mich jedes mal etwas unwohl wenn ich meine Sachen auf der Bank ließ beim Gang auf die Toilette, aber da keiner da ist, kann ja auch eigentlich keiner was klauen. Ab und an kam mal ein Security Mann vorbei aber niemand sagte etwas zu dem Pennerhaufen der da versuchte auf der Bank zu schlafen. Das klappte eigentlich auch erstaunlich gut bis auf die Tatsache, dass es ganz schön kalt war und ich trotz Pullover, Jacke und zwei paar Socken fror und deshalb gefühlt jede Stunde auf Toilette musste. Gegen 6 kam wieder Leben in die Bude und die ersten Putzfrauen vorbei. Zeit für mich mich ein bisschen auf der geräumigen Toilette wieder herzustellen. Schminken, Katzenwäsche, Zähne putzen.
Morgens stellte ich fest, dass mein Koffer während des Ein- und Ausladens kaputt gegangen war. Mein geliebter kleiner Handgepäckkoffer (ich reise immer nur mit Handgepäck) , der auch 2017 schon mit mir in Kanada war, hatte auf einmal einen Riss und eine der Rollen war umgeknickt. 😦
Ich checkte nochmal von wo mein Flug eigentlich geht. Ich wusste, dass es ein Nebenterminal vom Vancouver International ist aber ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht wie schwer es werden würde dort hinzukommen, denn man denkt ja, dass man einen anderen Terminal zu Fuß oder mit einem Bus oder Bahn erreichen können müsste aber NÖ. Die haben nämlich einfach wegen Covid den Shuttlebus abgeschafft. Die 9 km zu Fuß laufen möchte man auch nicht. An der Bushaltestelle stand ein Schild, dass man einen Gutschein für einTtaxi bekommen würde, wenn man eine bestimmte Nummer anruft. Nun ja, ich habe noch keine kanadische Handynummer und kann deshalb auch keine kanadische Nummer anrufen ohne ein Vermögen zu zahlen. Es steht aber auch noch da, dass man an einem der Service Terminals den Gutschein bekommen würde, also lief ich gegen 8 zum Service Terminal. Niemand da. Sind diese Terminals jemals besetzt, denn gestern Abend war auch schon niemand hier? Es gab dort ein Telefon von dem aus man Serviceanfragen stellen konnte. Ich versuchte die Nummer von der Bushaltestelle anzurufen. Ohne Erfolg. Ich versuchte die Service Nummer anzurufen und landete jedes mal nur bei einer Computerstimme. Ich war genervt. Ich wollte nicht einsehen, Geld für ein Taxi auszugeben, da ich der Meinung bin, dass ein Flughafen eine kostenfreie Lösung haben muss die einen zu einem anderen Terminal bringt. Wenn es sich offiziell um einen anderen Flughafen handeln würde, dann wäre das Okay aber das Ganze nennt sich nun mal Terminal South.
Mein Flug ging kurz vor 12 und ich musste langsam mal dort hin. Ich lief zum Taxistand und schilderte mein Problem. Einer der indischen Fahrer meinte, dass er mich fährt. Er rief während dessen bei der Service Nummer für den Gutschein an nachdem ich ihm erklärt hatte, dass ich die Nummer nicht erreichen konnte.
Als wir nach 3 Minuten im Terminal ankamen(der Weg über die Autobahn ist wesentlich kürzer als der Fußweg gewesen wäre), fragte ich ihn was ich ihm schulde, da der gute Herr ja auch nicht sein Taxameter angemacht hatte. Er meinte erst, dass ich ihm irgendwas geben soll. Also gab ich ihm 10 Dollar, woraufhin er meinte, dass die Fahrt eigentlich 20 kosten würde. Also come on Werter Herr Taxifahrer, wen verarscht du hier eigentlich? Die kurze Strecke kostet doch keine 20 Dollar und außerdem bekommst du das Geld doch eh vom Flughafen wieder weil dir der Herr am Telefon diesen Gutschein geben wird also jetzt sei zufrieden mit den 10 Dollar die du dir unerlaubterweise Bar in die Tasche stecken kannst. Leider sage ich all das nicht zu ihm und ärgere mich lieber über sein schnippisches Verhalten. Nach 36 h unterwegs sein und nahezu nicht geschlafen haben, war ich einfach nur noch genervt.
Flug nach Victoria
Leider ging es am Terminal nicht minder nervig weiter. Ich ging zum Check In Schalter, wo mir eine freundliche Dame einen mit Hand ausgefüllten kleinen Zettel in die Hand drückte mit der Erklärung das Stromausfall auf dem Flughafen herrscht. Na toll! Sie erklärte auch, dass man am besten schon zeitig durch die Security gehen solle, da das ohne Elektronik mehr Zeit in Anspruch nehmen würde. Zum Glück folgte ich ihren Worten, denn es sollte ewig dauern. Gesundheitsfragen beantworten, Fieber messen. Die Hand Detektoren funktionierten noch und ich piepsten an Stellen wo ich eigentlich kein Metall haben dürfte, darauf hin musste ich die Schuhe und mich bis aufs Unterhemd ausziehen und nochmal durchpiepsen.Dann die Kontrolle meines Rucksacks. Alles wurde auf Sprengstoffpulverreste geprüft und ich musste jedes verfi**te kleine Teil auspacken (ich habe als Handgepäck einen 40 l Rucksack der für ein Jahr Reise mit Kleinscheiß, Snacks und sehr viel Technikkleinteilen gepackt ist also es ist verdammt viel in meinem Rucksack!) Die Security Dame nahm alles genau auseinander, sogar meine Wechselunterwäsche. Jaaaaa, Erniedrigungen vor dem Mittag. Liebe ich! Ich verbrachte geschlagene 40 Minuten beim Security Check und war sehr, froh, dass keine anderen Reisenden hinter mir warteten.
Nachdem dieses nervenaufreibende Prozedere überstanden war, hieß es chillen bis zum Abflug. Eine Dame kam angelaufen und fragte wer von den 10 Leuten, die mit mir am Gate sitzen nach Victoria fliegt. 6 wollten. Wir wurden von einem netten Herren abgeholt, der uns übers Rollfeld manövrierte bis wir vor dem kleinsten Flugzeug standen was ich je gesehen habe. Ich glaube keiner der 6 Passagiere ist je mit so etwas mitgeflogen, denn alle machten Fotos und kicherten nervös vor Aufregung. Man fühlte sich wie in einem Privatjet in dem winzigen Flugzeug. Es gab nicht mal eine Tür zum Cockpit, sodass ich die ganze Zeit der recht jungen Pilotin bei ihrer Arbeit zugucken konnte.

Ich war nervös. Wir starteten in Vancouver bei einer dicken grauen Wolkendecke und der Start übers Meer war schon mal wesentlich smoother als erwartet. Wir flogen durch die Wolken und jeder fotografierte wild als man die Berge sah, die sich durch die niedrige Wolkendecke bohrten. Über dem Pazifik riss der Himmel auf einmal auf und wir hatten eine absolut perfekte Sicht auf Vancouver Island, was wenige Sekunden später schon unter uns war. Völlig unerwartet bekam ich quasi einen kleinen Rundflug bei bestem Wetter über die Insel und war begeistert. Für mich schon wieder ein Zeichen, das ab jetzt einfach alles gut wird und Vancouver Island die richtige Wahl war.

Bei der Landung machte ich mir fast ins Höschen, denn das Gefühl in einer kleinen Maschine ist so viel intensiver und ich hasse eine normale Landung schon. Aber innerhalb von ein paar Minuten war alles vorbei. Nach nur 20 Minuten Flug war ich in Victoria und mein Koffer wartete gleich auf mich.

Ich hatte vorher bereits bei Ines, meinem Quarantänehost angefragt was eine Fahrt vom Flughafen ins 40 km entfernte Victoria denn ungefähr kostet, damit mich der Taxifahrer nicht wieder abziehen konnte. Ich fragte auch den Taxifahrer nochmal und beide Aussagen deckten sich. Brav schaltete der Fahrer sein Taxameter ein und stellte mir wirklich interessiert viele Fragen und erzählte mir stolz von seinem Urlaub in Deutschland und Europa vor ein paar Jahren. Am Ende zahlte ich mit Trinkgeld 70 Dollar. Mit dem Bus hätte ich 3 Mal so lange gebraucht und hätte 3 Mal umsteigen müssen und ich habe durch meinen günstigen Flug und mein super günstiges Apartment so viel Geld gespart, da kann man sich auch mal gönnen. Und in dem Fall war das auch eine Ausgabe die ich vorher eingeplant habe und bei der ich mich nicht verarscht fühlte wie bei meinem Terminalwechsel am Flughafen in Vancouver.
Am Haus angekommen klappte auch alles super mit der Begrüßung vonInes und ich konnte direkt in meine kleine Wohnung einziehen und die nächsten 2 Wochen mit völliger Abgeschiedenheit und Langeweile in Quarantäne verbringen. Essen hatte ich mir im Supermarkt bestellt und die Katzen der Familie leisteten mir ab und an Gesellschaft. Und so war am Ende alles viel weniger schlimm als erwartet und ich konnte endlich mein Kanada Abenteuer richtig starten.
Tipps zur Einreise
Sollte dir die Einreise noch bevorstehen, dann ein paar kleine Tipps meinerseits:
- Bring genug Zeit mit
- Hab alle deine Unterlagen vollständig und gut sortiert dabei
- Informiere dich kurz vor deinem Abflug noch mal über eventuelle Neuerungen
- Vertrau darauf das alles gut wird
- Keine Panik!
Fazit
Es ist möglich in Zeiten einer Weltweiten Pandemie in ein fremdes Land einzureisen. Es ist halt nur 10 mal so aufwendig wie sonst und es gibt einige Hürden die genommen werden müssen. Aber wenn das dein Wunsch ist und du keine Angst vor Killerviren oder vor nervigen Leuten, die dich fragen warum du ausgerechnet jetzt in ein fremdes Land musst, (mind you own business, bitch!) hast, dann auf geht`s!
Ich habe meine Entscheidung keine Sekunde bereut. Im Gegenteil – für mich war es nie eine Option aufzugeben, denn Kanada ist meine letzte Chance für ein Working Holiday und letzte Chancen lasse ICH nicht ungenutzt verstreichen und das solltest du auch nicht. Es gibt so viel mehr im Leben als dich im unglücklichen Hamsterrad!