14. April 2021
Kleiner weirder Sidefact: Der eigentliche Prince of Wales – Prince Philip ist am gleichen Tag im Alter von 99 Jahren in die ewigen Jagdgründe übergegangen, an dem ich den Trip gebucht habe. Ich hatte also quasi royalen Beistand. Bilde ich mir zumindest ein.
Ganz sicher bin ich mir allerdings, dass ich Beistand von Oma und Opa hatte, die von oben wieder alles so in die Wege geleitet haben, dass ich den absolut perfektesten Ausflug aller Zeiten hatte. Die Beiden sorgen immer für mein Glück. Dankeschön!
Vorgeschichte
Jeder der mich gut kennt, weiß, dass Orcas meine allerliebsten Tiere sind. Seit dem ich 6 Jahre alt war und Free Willy gesehen habe, wollte ich immer einen wilden Orca sehen. 2017, auf meinem ersten Trip nach Kanada hat sich dieser Wunsch erfüllt und ich war zu Tränen gerührt.
Deshalb war eigentlich von Anfang an klar, dass ich noch mal auf eine Whale Watching Tour gegen würde, solange ich in Victoria wohne. Erst hatte ich kein Geld, dann war das Wetter schlecht. Immer irgendwie nicht so die besten Voraussetzungen. Aber nachdem ich nun ein halbes Jahr einen Knochenjob gemacht habe und nahezu kein Geld ausgegeben habe, kann ich endlich anfangen mir zu gönnen.

Da meine Kollegin Ende der Woche Victoria verlassen würde und sie auch noch eine Whale Watching Tour machen wollte, beschlossen wir eine zusammen zu machen. Wie gut, dass auch noch absolutes Traumwetter angesagt war.
Hard Facts
Es gibt ca. 6 Whale Watching Companies in Vic. Ich wollte eigentlich eine Sonnenuntergangsfahrt machen, leider gibt es die erst ab Mai. Und ich musste den Termin an einem Mittwoch irgendwie mit der Arbeit vereinbaren, also ging nur die 2:30 pm Fahrt. Der günstigste Anbieter war mit Prince of Whales auch schnell gefunden. Alle Anbieter hier haben die gleichen Ökologischen Vorschriften und im Grunde das selbe Tourangebot. Klar, dass ich da mit den günstigsten gehe.

Dazu sollte es auch keine langweilige alte Leute Bootstour werden sondern etwas aufregender, deshalb natürlich das Zodiac Boot.
Für umgerechnet ca. 80€ geht es also endlich auf die lang ersehnte Whale Watching Tour.
Es geht los
Kurz vor 2 sitze ich nervös am Treffpunkt im Inner Harbour und warte auf Taylor. Gut gelaunt kommt sie wenige Minuten später die Treppe runter geschlendert und wir gehen zusammen zur super unkomplizierten Anmeldung. Im Vorfeld muss man einige Einverständniserklärungen unterschreiben im Falle das etwas passiert und dem ganzen Covid Quatsch. Ich habe das schon online erledigt. Eigentlich dachte ich ja, wir wären die Einzigen auf der Tour aber nö – ausgebucht. Die ganzen 4 Touren des Tages. Sicher wegen des bombastischen Wetters. Ein verpeiltes Urlauberpärchen, eine Deutsche und zwei Klöpschen aus der Nachbarstadt, die den Trip schon zum 30. Mal machen. Wir bekommen alle lustige Schutzanzüge an, die zum einen den kalten Wind abhalten und gleichzeitig als Rettungsring fungieren. Ich fühle mich zwischen Michelin Männchen und Sumo Ringer, wahlweise auch als wenn ich einen großen Klops in der Hose hätte lol.

Wir sind jedenfalls schon jetzt gut am lachen und schwitzen uns bei der kurzen Begrüßung unter der 18 Grad warmen Sonne einen ab. Unser Tourguide ist ein routinerter alter Seebär, der mich ganz interessiert zu meinen vorherigen Whale Watching Touren ausfragt.
Ich bin ja eigentlich kein „Vorn Sitzer“ aber nachdem der Captain uns schon mehr oder weniger dafür eingeteilt hat und Taylor die Idee auch gefällt, sitzen wir nun vorn, wo es nach Aussagen des Chefs etwas „more lively“ wird. Wie „lively“ soll ich später noch erfahren.

Wir dümpeln langsam durch den Inner Harbour, die Prestige Touristen Area in Vic und sind schon jetzt super happy mit der Welt. Die Sonne strahlt und wir strahlen mit. Vorbei am Breakwater Point kommen wir nun endlich aufs richtige Meer und können Vollgas geben. Uff! Das geht ja ordentlich ab. Wir lachen und krietschen wie kleine Kinder und ich staune Bauklötze wie toll meine Lieblingsorte doch vom Wasser aussehen. Der Blick in die schneebedeckten US Berge ist heute auch einfach nur unfassbar atemberaubend. Ich bin hin und weg und kann mein Glück kaum fassen. Selbst wenn wir keine Wale sehen, ist das ein großartiger Ausflug (wenn man keine Wale sieht, darf man übrigens kostenlos noch mal auf eine Tour)! Die Gruppe vor uns kam übrigens mit langen Gesichtern zurück, denn sie hatten keine Wale gesehen, also hatte ich auch keine allzu großen Erwartungen, hoffte natürlich stets aufs Beste.



Fast eine Stunde schiessen wir übers Wasser. Schon verrückt wie kalt es hier draußen ist. Meine Mütze fliegt mir fast vorm Kopf. Meine Augen tränen wegen dem Fahrtwind. Mein ganzer Körper wackelt hin und her. Das ist schon echt anstrengend, macht aber halt auch irre Spaß.
Diese Landschaft hier muss einfach jeder mal mit eigenen Augen gesehen haben oder nehmt euch wenigstens mal eine Karte zur Hand und guckt euch die vielen hundert Kanadischen und US Inseln an. Hier und da mal ein Leuchtturm oder ein Haus mitten in der Wildnis. Einige der Inseln sind sogar privat.

Nachdem wir fast in Nanaimo sind, biegen wir, Richtung Vancouver ab und folgen der Fähre. Ein sehr beeindruckender Anblick so eine große Fähre mal von so einem kleinen Boot aus zu sehen.

Unser Tourguide fährt auf einmal langsamer und meint, dass wir die Augen offen halten sollen, denn hier in der Gegend sollen wohl Wale gesichtet wurden sein. Wir gucken herum wie die Erdmännchen und werden immer aufgeregter. Wir folgen der Fähre in eine kleine Meerenge, wo auch gerade noch die Fähre von Vancouver entgegen kommt. Zwei riesen Fähren und wir auf dem kleinen Stück Meer zwischen zwei Inseln. Wow! Und wie das hier wieder aussieht. Wald, Berge, Häuser an den Klippen. Wie in einem Werbespot für Canada.


Wale
Auf einmal ruft der Chef „ da ist einer!“. Ich, blind wie ein Maulwurf starre aufs Wasser und sehe nichts während die anderen schon aufgeregt fotografieren. Dann taucht relativ nah eine Flosse auf und ich werde von einem Meer von Gefühlen überwältigt. Mein Körper besteht nur noch aus Gänsehaut und aus meinem Mund kommen unheimlich viele „Ohs und Ahhs“. Orca Wale. Bruder und Schwester. Transitwale. Aus Californien sind sie angereist weil es hier gerade ein Nahrunsparadies ist. Mund auf und Fische in den Bauch schwimmen lassen quasi.


Ich sehe wieder Orcas und kann es gar nicht so richtig realisieren. Alles geht irgendwie so schnell und ich überlege mal kurz ob das jetzt wirklich passiert oder ich träume oder halluziniere aber nee das passiert wirklich. Wieder so viel Glück Orcas zu sehen. Bei der ersten Tour 2017 hieß es auch wir sollen uns keine Hoffnung machen, weil sie heute noch keine gesehen habe und dann waren da gleich 7 und heute auch wieder so ein Glück. Einfach nur unglaublich.

Die Riesen gleiten schwerelos durchs Wasser und so richtig viel sieht man nie von ihnen, da sie immer nur mal kurz für eine Sekunde auftauchen, ihre Fontäne ausstoßen und wieder abtauchen. Solche Fotos von springenden Orcas die man immer mal sieht, sind unfassbar selten. Die müssen schon echt nen mega guten Tag haben um ihren dicken Körper ausm Wasser zu bewegen. Unsere chillen eher.
Der Chef überlegt warum die Beiden wohl hier sind und was so ihr Plan sein könnte. Dann fällt ihm wieder ein, das es ja Wale sind und die vermutlich gar keinen Plan haben. Sie müssen ja nirgendwo hin. Sie können einfach nur hier rumdümpeln weils schön ist. Bei dieser Vorstellung muss ich grinsen. Klingt irgendwie schön.

Ich bin ganz verblüfft weil in unmittelbarer Nähe so viele Seehunde herumdümpeln. Ich kenne immer nur YouTube Videos wo die Seehunde panisch auf Boote springen um nicht von Orcas gefressen zu werden. Die hier merken wohl, dass die Orcas gerade nicht in Jagdstimmung sind.
Sie haben auch keine Angst vor der Fähre. Sie schwimmen einfach nur langhin und drehen ein paar Runden. Wir haben den Motor ausgestellt und dümpeln mit ihnen.

Meine Kamera glüht, wie zu erwarten war, dennoch sauge ich alles in mich hinein. Erinnerungen die mein Leben lebenswert machen und die mir sicher am Ende wieder in den Sinn kommen werden und mir für immer ein Lächeln auf die Lippen und eine Wärme ins Herz zaubern werden.


Ich verliere jegliches Zeitgefühl während wir da so zusammen mit den Orcas an diesem atemberaubenden Ort verweilen.
Nach einer Weile meint der Captain, das wir vielleicht einfach noch mal raus aufs richtige Meer fahren um zu gucken ob sich da vielleicht des Rest des Pods aufhält.
Wir fahren also zwischen zwei Leuchttürmen hindurch aufs offene Meer und es wird wellig.

Der Moment wo ich so dankbar bin, das ich im Vorfeld eine Antiübelkeitstablette genommen habe. Der Moment wo es hier vorn so richtig „lively“ wird. Der Moment wo mir klar wird, das so eine gewöhnliche Achterbahnfahrt nur Kindergeburtstag ist gegen das hier.
Der Captain dreht wohl noch mal so richtig auf und nimmt die Wellen besonders steil als er merkt, dass wir keine Angst haben.
Ich habe in meinen ganzen Leben noch nie so viel geschrien und gelacht gleichzeitig. Das kleine Boot fliegt in die Luft und klatscht mit einem Ruck wieder aufs Meer auf. Die ersten 5 Minuten macht das noch irre Spaß. Dann fange ich allerdings an zu denken. Was ist, wenn wir auf Treibholz oder irgendwas hartes stoßen? Was ist wenn das Boot auf einmal umkippt? Was ist wenn meine Kamera nass wird? Was ist wenn ich aus dem Boot falle?
Ich klammere mich am Geländer fest. Wir sind weder angeschnallt noch sonst irgendwie gesichert. Der wird schon wissen was er macht. Die machen das vermutlich jeden Tag mehrmals. Dennoch macht sich langsam Panik breit und ich bin froh, dass wir nochmal kurz anhalten.
Wir fahren sogar soweit raus, das man in weiter Ferne sogar schon Vancouver und seinen Hafen sehen kann.

Seelöwen Fels
Hier an dieser Stelle im Meer gibt es mehrere Felsen, die alle mehr oder weniger gleich aussehen und gleich beschaffen sind aber einer ist besonders. Ich traue meinen Augen aus der Ferne kaum als ich die Überbevölkerung an Seelöwen auf dem kleinen Stück Land sehe. Unglaublich! Ein riesiger brauner Haufen. Wir fahren näher heran und er dreht das Boot so, das wir mit dem Licht gucken. Und was ich sehe, bläst mir endgültig das Hirn raus. Da ist dieser Felsen mit diesen unendlich vielen Seelöwen vor mir und im Hintergrund so scharf wie nie zuvor mein geliebter Mount B – Mt.Baker. Wir halten an und ich kann die Kamera glühen lassen.


Ich weiß nicht wie ihr das seht aber ich bin mir sicher: DAS sind die besten Fotos die ich jemals schießen durfte. Es stimmt einfach alles vom Motiv, dem Hintergrund, den Farben, der Besonderheit und den Lichtverhältnissen. Perfektion!



Als der Motor aus ist bekomme ich erst mal die Geräusche hier mit. Wenn man die Augen schließen würde, würde man denken man ist bei einer Horde rülpsender und furzender Klischee Bauarbeiter. Ich lache Tränen über die Geräusche die die dicken braunen Knopfaugen da von sich geben.
Die meisten chillen in der Sonne. Andere lassen einfach nur laufen. Die nächsten brüllen sich an. Ein bisschen gebissen wird scheinbar auch. Ordentlich was los auf Sealion Island!


Rückfahrt
Nach dem Blick auf die Uhr wird dem Chef klar, wir sollten langsam mal wieder die Heimreise antreten. Wir sind schließlich bei dieser Tour besonders weit raus gefahren. Es hat sich aber auch besonders gelohnt!

Zurück nehmen wir eine etwas andere Route zwischen anderen Inseln hindurch. Wie malerisch es hier mal wieder aussieht.
Interessant sind auch die vers. Temperaturen auf dem Wasser. Manchmal sind die Winde warm und andere Male recht kühl. Und auch die Wasseroberfläche wechselt an einer Stelle sehr prägnant von leicht wellig zu spiegelglatt. Beim Blick in die Ferne sehen wir schon wieder die Saanich Peninsula (Halbinsel) auf der Victoria liegt.

Mit Höchstgeschwindigkeiten von 70 km/h fliegen wir nach knapp 3,5 h wieder nach Hause und können bei schönsten Abendlicht nochmal unser hübsches Victoria bestaunen.

Fazit
Ich habe wilde Koalas in der Australischen Wildnis gestreichelt. Habe mir jahrtausende alte Tempel in Asien angesehen. Bin einen Monat mit dem Zug durch Osteuropa gefahren. Durfte durch einen der schönsten Fjorde der Welt in Neuseeland schippern. Ich habe unglaubliches erlebt aber das hat tatsächlich all das noch mal ein kleines Stückchen getoppt!
So viel Perfektion. Wetter, Reisepartner, Timing, Licht, Wale, Spaß, Fotos. Alles war einfach nur absolut perfekt!

80€ für eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens. Ein kleiner Preis für so viel Glück und Glückseeligkeit.

Was für eine traumhafte Tour und wie beeindruckend die Rückenflosse des Orcamännchens aussieht!
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