1. Mai 2021
Nach genau 8 Monaten (und 2 Tagen) verlasse ich nun am Montag Victoria um mir noch ein klein bisschen mehr von Kanada anzusehen (soweit das zur Zeit halt so möglich ist). Doch bevor ich gehe, will ich noch einen Samstagsausflug machen. Ein ich nehme Abschied Ausflug sozusagen.
Und man glaubt es ja kaum, auch nach 8 Monaten, habe ich dabei immer noch zwei neue tolle Sachen entdeckt. Was genau lest ihr jetzt.
Anreise
Mein Monatsbusticket ist gestern abgelaufen aber die Fahrer sind immer sehr kulant und lassen einen dennoch mitfahren. Also geht es in nur 10 Minuten ein paar Stationen Richtung Meer und dann zu Fuß einen Hügel hinauf durch eine mehr als fancy Wohngegend. Alle Häuser hier sind im englischen Tudor Stil erbaut und sehen mehr als geräumig aus. Ich traue mir leider nur nie Fotos zu machen in solchen vornehmen Wohngegenden (wenns euch interessiert St. Charles Street bei Google Streetview eingeben). Am Ende der Straße kommt man dann zum
Government House & Garden
Hier war ich ja bereits im Spätsommer/Frühherbst schon mal (guckst du hier), wollte mir das Ganze aber gerne noch mal im Frühling angucken, wenn die knorrigen Garry Oak (spezielle einheimische Eichenart) grün werden und die Camas Blumen (einheimische Inselblume die vom Aussterben bedroht ist) blühen.

Die Sonne lacht und es ist dementsprechend gut gefüllt im Garten.
Am ehemaligen Gouverneurs Sitz wird immer noch gebaut, deshalb erspare ich euch mal ein Foto vom Eingangsbereich.
Ich laufe heute mal in die andere Richtung und gelange über herrlich blühende Wiesen und Blumenrabatten zu einer großen Wiese von der aus man sogar einen Blick aufs Meer hat. Der perfekte Ort für ein Picknick würde ich meinen. Und wieder kommt die obligatorische Wochenendausflugs Calzone zum Einsatz, die wir freitags zum Pizzatag immer extra fürs Wochenende backen. Ich lege mich auf die Wiese und lasse mir die Sonne auf den Bauch scheinen. Am Boden merkt man den kühlen Wind auch nicht so der durch die Bäume fegt. Ein kurzes Nickerchen ist auch noch drin bevor es weiter geht.


Beim letzten Mal waren die Hangwege gesperrt weil die Freiwilligen gerade ihren Dienstagsarbeitseinsatz im Garten hatten. Heute war aber alles offen und so konnte ich mir auch mal den alpinen Garten mit traumhaften Aussichten angucken.

Oh man das ist doch eindeutig das Paradies und Frühling die wohl schönste Jahreszeit. Ein Meer aus Blüten und einem saftigen Grün an den Bäumen. Eine Wohltat für die Augen.


Ich laufen den kleinen Naturpfad durch den Garry Oak Wald und den Wildblumenwiesen als ich es auf einmal im Gebüsch rascheln höre. Ein Reh guckt mich an. Ich habe es beim fressen gestört. Schnell weitergehen…

Von hier oben habe ich einen Hügel Richtung Meer entdeckt, der mir vorher noch nie aufgefallen war (aber auch kein Wunder, da es beim letzten Mal hier ganz nebelig war). Ein kurzer Blick auf maps.me verrät mir wie ich da hinkomme und los geht’s.

Moss Rock Hill
Im Grunde einfach nur ein riesen Felsbrocken auf einem Hügel. Tolle Aussicht und Kletterspaß inklusive. Also Kinderklettern. So von Stein zu Stein meine ich natürlich.
Dieser Ausblick wird einfach nie langweilig. Jedes mal bin ich aufs Neue beeindruckt und staune so als wenn ich die schneebedeckten Gipfel zum ersten Mal sehen würde. Die dicken Cargoschiffe wälzen sich natürlich auch wieder übers Meer und verschönern so das Foto.


Nach unten wird’s dann etwas abenteuerlich, da ich die Abkürzung über die Felsen nach unten nehme. Bei sowas hab ich jedes Mal das Gefühl als wenn mein Körper zu lang wäre und ich weiß nicht mehr was Gleichgewicht ist, deshalb muss ich mich ganz unelegant überall abstützen und festhalten. Aber was ist schon Eleganz gegen Sicherheit, ne?!
Noch ein kleines Sträßchen entlang und über einen Fußgängerüberweg, landen wir auf dem
Ross Bay Cemetery
Es ist wahrscheinlich meine schwarze Gothicseele oder ich bin einfach nur weird aber ich liebe Friedhöfe. Je älter desto besser. Es ist immer so herrlich ruhig. Die Vögel singen. Menschen verharren für einen Augenblick auf einer Bank. Ein Ort der Ruhe. Aber auch ein Ort der einen an der Vergänglichkeit des Lebens erinnert. Der einen daran erinnert das Leben und Tod Hand in Hand gehen. Eine Erinnerung daran, dass wir nur diese eine Chance haben das beste Leben für uns zu erschaffen. Ein Leben das unsere Träume erfüllt. Ein Leben in dem wir glücklich sind. Ein Leben in dem wir auf die Meinung anderer scheißen und für uns selbst entscheiden. Against all odds, gegen Einschränkungen, gegen Gesellschaftszwang. Du entscheidest wer du sein willst und wie dein Leben aussieht. Und erst wenn du wirklich verstanden hast, was es bedeutet, dass du nur diese eine Chance hast, fängst du an zu leben.

All das gibt mir ein Friedhof mit auf den Weg. Und dieser hat neben schönen Grabsteinen, unzähligen Gänseblümchen und einem alten Baumbestand noch ein weiteres besonderes Feature, denn er liegt, nur durch eine Straße getrennt, direkt am Meer.

Über einen kleinen Trampelpfad kommt man zur Straße (wo man höllisch aufpassen muss) und dann zum
Ross Bay
Ich war hier schon mal zum Sonnenuntergang und wo Flut war. Jetzt sieht alles ganz anders aus und logisch, dass ich an meinem letzten Ausflugstag in Vic nochmal an meinen absolut liebsten Lieblingsort muss – ans Meer.
Es ist wie schon erwähnt, verdammt stürmisch, sodass sich richtige weiße Wellen bilden, was ich bisher auf dieser Seite der Insel noch nicht gesehen habe. Deshalb sind auch unzählige Windsurfer im Wasser. Aber fragt mich nicht was das für eine Art von Windsurfen ist. Ich kenne eigentlich nur Kitesurfen wo man quasi an einem Drachen übers Wasser gezogen wird oder Windsurfen, wo man so ein Segel auf einem Surfboard hat. Das hier muss ein besonderes Zwischending sein, denn die Bretter sehen ganz anders aus und die Menschen halten das kleine eher rundliche Segel in den Händen. Was müssen die bitte für Arme haben um das so festhalten zu können, wenn da der Sturm reinballert. Sieht jedenfalls mehr als beeindruckend aus, wie sie da mitten in der Juan de Fuca Wasserstraße von links nach rechts sausen und nach dem runterfallen elegant wieder hochrobben.

Außerdem sehe ich noch ein Otter aus dem Meer kommen, welches mal wieder aussieht wie eine große Ratte. Ich weiß nicht genau warum das so ist, aber das hier sind keine niedlichen Seeotter sondern Flussotter obwohl sie im Meer leben. Dennoch guck ich sie mir gern an, denn sie haben auch irgendwie was von einer Schlange mit ihrem langen aalglatten Körper.

Den Kampf der Giganten gibts auch noch zu beobachten. Möwe vs Krabbe. Die ersten Runden gehen an die Krabbe als sie mit ihren Zangen die Möwe zwackt aber am Ende siegt leider die Möwe als sie den weichen Spot der Krabbe am Bauch aufhackt und ihr die Eingeweide rausreißt während diese um ihr Leben kämpft. Sorry, ich kann das einfach nicht netter umschreiben. Natur ist halt nicht immer schön anzusehen.




Ich sitze eine Weile auf dem Treibholz, schließe die Augen (eigentlich nur weil meine Augen durch den Wind so tränen) und höre auf die Wellen, den Wind, das Möwengeschrei und wie die Steine mit jeder Welle vom und zum Strand rollen. Eines der schönsten Geräuschkombinationen die ich kenne. Meditation für mich.
Als eine größere Wolke die Sonne verdeckt, mache ich mich auf den Rückweg über den Friedhof zur Bushaltestelle. Dort entdecke ich noch ein besonders schönes Grabmal und bin gerade fertig mit fotografieren als der Bus kommt.

Fazit
Erstaunlich, das man nach so langer Zeit und unendlich vielen Ausflügen immer noch neues entdeckt aber auch das Alte ist immer wieder atemberaubend schön und auch zu jeder Jahres- und Tageszeit anders.

Ich habe meinen letzten Ausflug jedenfalls sehr genossen und mal wieder festgestellt „Das Leben ist schön“ (wenn du dich bewusst fürs Glücklichsein entscheidest!)
Ich werde sentimental
In den letzten Tagen haben mich vermehrt Leute gefragt ob ich traurig bin zu gehen. Ob ich es schade finde meine Familie hier zu verlassen. Ich konnte das immer mit Nein beantworten, denn auch wenn es schön war, reicht es dann halt auch langsam, denn ich bin nun mal ein sehr Ruhe bedürftiger Mensch und die Kinder sind auf dem besten Weg ins Teenageralter, wenn ihr versteht.

Allerdings muss ich sagen, dass ich nach dem Ausflug heute doch ein bisschen traurig bin. Traurig, Victoria und auch Vancouver Island zu verlassen. Der Ort und die Insel haben einfach alles was mein Herz höher schlagen lässt. Dichte Wälder, eine beeindruckende Tierwelt, Sonnenauf- und untergänge, Seen, ein mildes Klima, Berge, An- und Aussichten, Hippielife, das seichte und das wilde Meer. Kurzum alles was man zum glücklich sein braucht, also zumindest ich.
Ich lehne mich mal wieder weit aus dem Fenster und sage, dass man das so nirgendwo anders in Kanada findet und deshalb bin ich traurig zu gehen. Ich werde den Ausblick auf die Olympusmountain Range und meinen geliebten Mount B(aker) vermissen. Ich werde die unzähligen unterschiedlichen Strände vermissen. Ich werde vermissen das man auf der einen Seite der Insel den Sonnenaufgang und auf der anderen den Sonnenuntergang (und das in nur 10 Minuten Fahrt) sehen kann. Ich werde das Rauschen der Wellen und das tröten der Frachtschiffe vermissen. Ich werde die vielen Gärten, die fast zu allen Jahrenszeiten toll aussehen, vermissen. Ich werde vermissen, dass man nur 5 Minuten aus der Stadt raus fahren muss um im tiefen kanadischen Wald zu sein. Kurzum ich werde verdammt viel vermissen aber ich bin so dankbar, dass ich all das sehen und erleben durfte. Das ich 8 Monate hier quasi kostenlos überwintern durfte und Geld für meine Weiterreise ansparen konnte. Ich bin dankbar für jede einzelne Sekunde hier (auch die in denen ich genervt war). Ich bin dankbar, dass ich für den Rest meines Lebens mit einem warmen Herzen und einem Lächeln im Gesicht auf meine Zeit in Victoria zurück blicken werde.
