3. Oktober 2020
Also dieses Kanada oder besser gesagt Vancouver Island oder noch konkreter die Victoria Region – hat auf kleiner Fläche so viel Abwechslung zu bieten, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kommt und so ergeht es mir auch bei meiner Wanderung durch den Goldstream Provincial Park.

Wasserfälle, unberührte Natur, Farne und Moose, Höhenangst und Angst vor Bären – der Tag hat einiges zu bieten auf seinen 18 km.
Anfahrt
Das Bus System in Victoria ist ziemlich gut ausgebaut, sodass man auch ohne Auto zumindest hier in der Gegend zu vielen Startpunkten von Wanderungen kommen kann. Das Gute dabei ist, dass das Tagesticket nur 5 Dollar kostet und man damit ziemlich weit herum kommt.
Ich glaube allerdings die meisten Kanadier halten mich für komplett irre weil ich zu einer Wanderung mit dem Bus fahre, dafür eine Fahrzeit von 1,5 h in Kauf nehme und mir das noch nicht mal etwas ausmacht. Ohne Auto geht bei denen nämlich gar nichts!

Nach 2 Mal Umsteigen kommt man dann jedenfalls fast direkt am Goldstream Campground heraus. Von der Haltestelle Humpback/Rock Hill Road sind es nur 5 Minuten bergab zu laufen.
Goldstream Campground
Das ist das erste Mal, dass ich mir einen kanadischen Campingplatz von Nahem angucke und die Ähnlichkeit zu Australischen Campingplätzen ist groß. Der Stellplatz pro Nacht kostet 35$. Es gibt fließend Wasser aber nur ein Plumpsklo. Bezahlt wird über eine Kasse des Vertrauens. Was allerdings anders ist, ist die Größe der Camper hier. Holy moly. Das sind ganze Busse die hier parken. In den kleinen Buchten im Wald sind aber auch mal ein paar klassische Zelte zu finden.

Goldstream Falls
Vom Anfang des Campgrounds führt ein Trail bergab zum Goldstream. Es ist früh um 11 und mir kommen ausschließlich Hundebesitzer beim Gassi gehen entgegen. Ansonsten ist wenig los, was auch gut ist, denn der Boden ist teilweise sehr matschig und man hat so seine Not über die behelfsmäßig ausgelegten Bretter und Baumstämme über die Pfützen zu kommen. Abenteuer olé! Der Weg führt über Stock und Stein, bergauf, bergab und ich fange bereits jetzt ganz schön an zu schwitzen. Aber wunderschön ist es hier wie die Sonne durch das dichte Blätterdach scheint und die verrückten Moose jeglicher Art und Form an den Bäumen hängen. Ich fühle mich wie in einem verwunschenen Märchenwald.

Ein kleines Chipmunk huscht über den Weg und versteckt sich in einem ausgehöhlten Baumstamm. Ich beobachte es eine Weile wie es sich im Baum fröhlich hin und her wälzt und man manchmal nur seine kleinen Füßchen in der Luft sieht. Mein Herz hüpft vor Freude.

Dann geht es viele Treppenstufen bergab zum Wasserfall, wo bereits ein paar Kinder auf den Steinen spielen und im Wasser herum planschen. Die kennen nix. Abhärtung bei 14 Grad Außentemperatur.

Es wird ein leerer und ich kann mit der Kamera herum spielen um die Herbststimmung hier bestmöglich einzufangen. Es ist herrlich ruhig, die Luft ist frisch, es riecht nach Wald und der kleine Wasserfall plätschert fröhlich vor sich hin.

Nach einer Weile Ruhe genießen geht es die vielen Stufen wieder bergauf. Ich hab noch einiges an Weg vor mir….

Alte Bahnschienen
Über einen kleinen Bahndamm geht es herunter auf die alten Gleise der seit ein paar Jahren still gelegten Vancouver Island Eisenbahn. Hier entlang kann man Kilometerweit durch den Wald laufen und trifft dabei auf wenige andere Spaziergänger. Sowas wollte ich schon immer mal machen, denn irgendwie erinnert es mich an meinen Lieblingsfilm „Into the wild“.

Von hier hat man auch immer Mal einen schönen Ausblick auf Mt. Finlayson auf der gegenüberliegenden Seite. Über mir kreisen die Truthahngeier. Die warten doch wohl nicht etwa, dass ich auf der 4 km langen Strecke schlapp mache?! 😀

Am Ende meiner Strecke auf den Bahngleisen erwartet mich noch etwas ganz besonderes:
Niagara Trestle
Das alte 44 m hohe Viadukt kann auch überquert werden.

Zuerst stört mich die Situation trotz Höhenangst gar nicht aber als ich über die Hälfte geschafft habe und an einem der Aussichtsplattformen (die im Grunde nur Notrettungspunkte der Bahn sind) ein Kreuz sehe mit dem Bild eines jungen Mannes der hier ums Leben gekommen ist, setzt bei mir plötzlich Panik ein. Ich bekomme schwitzige Hände, meine Knie fangen an zu zittern, meine Atmung wird schwerer und mir wird schwindelig. Erst jetzt wird mir klar wie gefährlich das hier oben eigentlich ist, vor allem wenn recht viele Menschen hier sind wie heute. Es gibt an den Seiten keinerlei Absperrung.


Was wäre wenn man über die Bahnschwellen stolpert?! Auch das Geländer an den „Aussichtspunkten“ ist so niedrig und wackelig, dass es niemanden vom Fallen abhalten würde. Ich versuche irgendwie wieder zurück zu kommen und muss mich erst Mal hinsetzen während ich die Leute beobachte, die da in aller Seelenruhe am Abgrund sitzen und die Beine in der Luft baumeln haben. Es gibt allerdings auch genug die genauso panische Angst haben wie ich. Auch einige Hunde weigern sich beharrlich hier weiter zu gehen. Ich nehme meinen Mut zusammen und versuche es noch mal bis ganz rüber. Fehlschlag. Vielleicht wenn weniger Menschen hier wären aber so muss man auch noch darauf achten, dass man anderen nicht zu nah kommt. Auf jeden Fall ein unvergesslich aufregendes Erlebnis und ich bin stolz das ich es zwei mal bis zur Hälfte geschafft habe, was ja dann technisch gesehen auch die ganze Brücke ist. 😀

Goldstream Bay
Aber auch der Weg vom Viadukt bergab ist sehr aufregend und ich bin einfach nur froh, dass niemand hinter mir läuft. Denn das Ganze ist bis zur Hälfte gar kein richtiger Weg sondern nur ein sehr steiler steiniger rutschiger Trampelpfad, sodass ich mit Händen und Füßen versuche nicht abzurutschen. Bei mir ist immer das Problem, sind meine Füße einmal weggerutscht dann bekomme ich so zittrige Knie und werde so unsicher, dass es eigentlich nur noch schief gehen kann. Ich knicke um. Allerdings nicht sonderlich stark, sodass ich noch gut weiter laufen kann (mir bleibt ja auch nichts anderes übrig) aber Schmerzen und einen dicken Knöchel habe ich trotzdem.

Es geht weiter über Stock und Stein um dann am oberen Punkt des nächsten Wasserfalls hier wieder herauszukommmen. Hier ist alles gut abgesichert, denn die natürlichen Pools würden wohl einfach zu sehr zum Dummheiten machen einladen. Und spätestens seit dem Absturz 3er Mitglieder von „highonlife“ an den Shannon Falls hier in BC wissen wir, dass natürliche Pools, Wasserfälle und Abendteuerlust nicht so die sicherste Kombination fürs Leben sind.

Es geht weiter bergab einen inzwischen recht gut gesicherten Weg, dennoch sind die vielen Blätter und moosigen Äste am Boden recht rutschig, sodass ich gut zu tun habe.
Fast unten dann noch die letzte Hürde. Ich verpasse den eigentlichen Weg und folge zwei anderen jungen Leuten den inoffiziellen extrem steilen Weg hinunter zum Flusslauf. Auf wackligen Beinchen komme ich endlich unten im ausgetrockneten Flussbett an.
Ich laufe durch den Tunnel unter dem Highway 1 durch, der normalerweise ein Ablauf vom Fluss ist aber zur Zeit komplett ausgetrocknet. Die Dürre der letzten Monate auch auch hier ihre Spuren hinterlassen.

Das Visitor Center auf der anderen Seite des Highways ist leider geschlossen. Laut Karte soll man hier direkt am Wasser sein aber ein Blick von der Aussichtsplattformen zeigt, dass auch hier alles ziemlich ausgetrocknet ist. Ich setze mich in die Sonne, starre Mt. Finlayson an, überlege ob da oben gerade Bären herumlungern und verdrücke meine belegten Brote.


Niagara Falls
Danach geht es wieder zurück durch den Tunnel und durch das ausgetrocknete Flussbett zum 48 m hohen Niagara Wasserfall. Keine Ahnung warum sie den nicht einfach anders benannt haben aber ich glaub die meisten Kanadier (noch nicht mal meine Vancouver Island Familie weiß dass der so heißt) wissen nicht mal von der Existenz des kleinen Namenszwilling. Dennoch ist er schon gut beeindruckend auch wenn er zur Zeit nicht besonders viel Wasser führt. Ein paar Kinder waten durch das Wasser während die Eltern eine Mittagspause machen. Das Herbstlaub leuchtet gelb im Sonnenlicht, welches kaum seinen Weg, durch das dichte Laubdach, auf die Erde findet.


Da meine Wanderkarte an dieser Stelle etwas ungenau ist, denke ich, dass ich von hier aus auf den Goldmine Trail komme aber denkste, ich muss den halben Weg wieder zurück von dem ich vom Viadukt gekommen bin, steil den Berg lang hoch. Ich schnaufe mal wieder wie eine alte Eisenbahn vor mich hin als ich endlich den richtigen Weg finde.
Goldmine Trail
Ich hab ja irgendwie gedacht, dass hier viel mehr los wäre und das es sich um einen ausgebauteren Wanderweg handeln würde aber weit gefehlt. Der kleine Weg führt menschenleer über Stock und Stein, bergauf und bergab. Es ist wunderschön hier mit all den Farnen und Moosen und Laubblättern am Boden. Ich kann es nur nicht so richtig genießen, da mich nur ein Gedanke quält – wie verhält man sich wenn man einen Bären sieht? Ich bin hier komplett allein irgendwo im nirgendwo. Wie häufig ist es überhaupt, dass man einem Bären begegnet? Mögen die überhaupt so einen bergigen Laubwald? Sollte ich singen um sie zu verscheuchen oder wäre das unzumutbar und als Tierquälerei anzusehen? Mein Kopf besteht aus Angst und Fragen während ich tapfer weiter marschiere. (ich lerne später, dass Bären die Gegend lieben, ich eigentlich nicht allein wandern gehen sollte aber Bärenangriffe sehr unwahrscheinlich sind) Vorbei an einer kleinen Goldmine geht es immer weiter durch den tiefen Wald, hoch und runter.


Hidden Spring Fall
Irgendwann kommt eine Abzweigung. Ausgeschildert ist hier nahezu nichts. Manchmal gibt es kleine Karten, die aber mehr als unübersichtlich sind, deshalb hoffe ich immer, dass mein GPS mich findet und meine Karte auch den richtigen Weg anzeigt. Ich habe auf meiner Map gesehen, dass es nach unten zum einen Richtung Parkplatz geht aber zum anderen auch zum Hidden Spring Wasserfall. Und da ich ja alle mitnehmen will, mache ich den Abstecher bergab, mit dem Wissen, nachher alles wieder bergauf zu müssen und laufe zum Wasserfall einen kleinen Pfad durch den Farnwald. Hm, also das hat sich nicht gelohnt. Der Wasserfall stellt sich als ein ca. 30 cm hohes Rinnsal heraus.

Ein verloren gegangenes Kuscheltier liegt im Matsch herum. Ich nehme es auf dem Weg zurück mit bis zum Parkplatz in der Hoffnung, dass es hier wieder auf seinen Besitzer treffen könnte oder in eine nette Familie adoptiert wird.

Arbutus Trail
Und dann geht es wieder bergauf und bergauf und weiter über Stock und Stein durch den Wald wo niemand ist. Ein paar Mal flitzen Chipmunks vor mir her. Vögel flattern durch die Gegend. Die Sonne strahlt durchs Blätterdach. Ich komme an der Quelle des Miniwasserfalls entlang, welche 4 Mal mehr Calcium beinhalten soll als normales Wasser(macht mit dem Fakt was ihr wollt). Endlich kommen mir auch mal ein paar Menschen entgegen.

Ich habe bereits auf der Karte gesehen, dass es ziemlich viele vers. Wege auf dem Arbutus Trail gibt. An den meisten Weggabelungen stehen auch ein paar Karten, allerdings sind die so ungenau, dass ich mal kurzzeitig in die falsche Richtung abbiege, was aber gar nicht so schlimm ist, da es hier eine hübsche kleine Brücke gibt und ein paar verwunschenen Bäume durch die das Sonnenlicht so herrlich scheint. Ein toller Fotospot.

Ich habe kurzzeitig die Hoffnung doch noch den Bus eher zu schaffen (er fährt nur einmal die Stunde), unterschätze aber wie sehr der Weg durch den Wald sich windet und auf und ab führt.
Endlich komme ich wieder am Campground an, wo die ersten schon mit den Vorbereitungen fürs Abendessen beginnen.

Heimreise
Natürlich bin ich zu so einer Zeit zurück, wo der Bus quasi gerade erst weg ist und ich noch 45 Minuten warten muss. Die einzige Bank dort ist schon besetzt, sodass ich weiter bis zur nächsten Bushaltestelle laufe in der Hoffnung, dass ich hier eine Bank finde. Am Ende laufe ich bestimmt fast 2 km von Bushaltestelle zu Bushaltestelle (hab ja Zeit) bis ich endlich eine Bank finde.

10 Minuten später ist auch schon der Bus da. Ich bin total durchgeschwitzt und im Bus läuft die Klima auf Hochtouren. Eine super Kombination – nicht!
Zeit zum Umsteigen. Ich sitze auf einer Bank im Schatten auf der es recht frisch ist. Aber 10 Minuten bis zum nächsten Bus werde ich schon aushalten. Keine Ahnung was passiert aber der Bus kommt nicht. Erst nach 25 Minuten warten steht endlich der Bus nach Downtown vor mir und ist noch kälter als der erste. Wieder zu Hause ist es inzwischen dunkel und ich brauche erst mal eine heiße Dusche und einen Tee um mich wieder aufzuwärmen.

Fazit
Während ich letzte Woche noch ein Schloss, ein Leuchtturm und ein Fort besucht habe (guckst du hier) und am Meer gesessen und auf die Berge der USA geguckt habe, war ich dieses Wochenende mitten in der kanadischen Wildnis aber beides ist nur 20 Minuten Busfahrt von einander entfernt im Ort Langford. Diese Vielseitigkeit ist einfach faszinierend. Man kann irgendwie alles haben. Berge, Wald, Seen, Meer, Shopping, Bars, Universitäten und eine großartige Tierwelt und das in einem Radius von nur 10 km. Nach Vancouver Island zu kommen war auf jeden Fall die beste Entscheidung die ich nur treffen konnte!
